Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 5: Autorität und Pflicht

Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 5: Autorität und Pflicht

von Hans Korfmacher

Begreifen wir die Unmöglichkeit einer »objektivierbaren« Welt und die sich daraus ergebende Konsequenz, dass eine Kontrolle aller Lebenssituationen unmöglich ist, bleibt uns keine andere Wahl, als in den eigenen »Geist« zu schauen, um Orientierung für das Leben und das scheinbar nur schwer definierbare »Glück« zu finden. Die materielle Welt ist ungeeignet, universeller Anker »richtiger« oder »falscher« Handlungen zu sein, weil sie sich ständig ändert. Schon Morgen wird sie eine andere sein: Zu schnell wird das Konsumglück schal, wie das letzte Bier vom Abend. Zu schnell welken körperliche Reize, wuchern die unausweichlichen Gebrechen des Alters. Schon der Römer Lucius Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) wusste:

„Wer das Glück nach Zahl, Maß oder Teilbarkeit beurteilt,
nimmt ihm seine ausgezeichneten Eigenschaften.“[1]

Wir können uns zwar durch Konsum oder materiellen Wohlstand für einen Moment lang glücklich wähnen. Doch »berauschende Glücksgefühle« sind letztlich nur kurzeitige Geisteszustände, die wie der Wind schon im nächsten Moment verfliegen. Dies verdrängend jagen wir, wie von Zwängen getrieben, immer neuen Kicks hinterher – dem nächsten Smartphone oder Tablet, der noch schöneren Reise, dem größeren Auto oder der edleren Wohnbehausung, dem jüngeren Freund oder der noch schöneren Freundin. Schier unendlich scheinen Rauschmomente sich aneinanderreihen zu können und sich wie unzählige Schmetterlinge in die Lüfte zu erheben. Doch bei dem Versuch, sie zu ergreifen, zerplatzen sie wie Seifenblasen.

Dennoch ruft eine innere Stimme ohne Unterlass: „Der Konsum darf nie aufhören! Wer bin ICH sonst?“ Jeder neue Konsum fühlt sich deshalb zuerst wohlig an. Jede Steigerung des materiellen Wohlstandes wirkt wie eine neue Droge. Dabei verdrängen wir mit viel Geschick und Intelligenz: Mit jedem weiteren Rausch entfernen wir uns von dem ach ersehnten Glück. Und wir können nicht einmal sagen, worin es eigentlich bestünde. Dabei wissen wir alle sehr genau: John Stuart Mills Begriff vom „Glück als Freude (engl.: pleasures)“ führt uns nur in eine sinnlose hedonistische Sackgasse.

Die Weisheit des Dalai-Lama über »Glück« baut deshalb auch nicht auf materiellen Werten. Als mitfühlender und weiser Mensch (lat: homo sapiens) ist ihm bewusst, dass »Glück« nur durch die Betrachtung des »Geist-Ich« erreichbar wird. Die äußeren Umstände wie Nahrung und Kleidung, Wohnung und Beruf, Gesundheit und Freiheit sind zwar notwendige Bedingungen für ein glückliches Leben - weil ich als kranker, eingekerkerter oder unterernährter Mensch nicht die Kraft haben werde, mein »Geist-Ich« anzuschauen. Deshalb schrieb Bertold Brecht zu Recht den berühmten Ausruf in der Dreigroschen Oper:

„Erst kommt das Fressen,
und dann die Moral!“

Aber die äußeren, materiellen Aspekte reichen nicht aus, um dauerhaftes »Glück« zu erleben. Glückseligkeit, die sich nur auf Absichten oder Interessen stützt, bleibt stets flüchtig. Das nicht zu erkennen, ist der entscheidende Gedankenfehler des Materialismus. Dabei ist doch jedem klar: Das Neue altert. Dem rauschhaften Kick folgt immer der Verschleiß. Selbst sexuelle Erregungen dauern nur Minuten. Deshalb ist es wesentlich hilfreicher sich die einfache Weisheit zu vergegenwärtigen:

Glück und Geist sind ein unzertrennbares Paar.

Dies ahnend ersann Immanuel Kant eine Alternative zum empirisch-technologischem Weltverständnis des David Hume, das er heftig und in vielen Facetten kritisiert hat. Er stellte dem die Idee einer „reinen Vernunft“ entgegen und erdachte damit die zweite Strömung der neuzeitlichen »Aufklärung«. Mit seinem geistigen Konstrukt erschuf er eine neue metaphysische (dt.: über dem Physischen stehende) Instanz, an der er »universell« moralische Werte verankerte, die er dem bis ins 18. Jahrhundert dominierenden Göttlichen gleichstellte.

Einem bewertenden Gott, der uns am Tag eines vermeintlich Jüngsten Gerichts nur in die Hölle einfahren, im Fegefeuer schmoren oder in den Himmel aufsteigen lässt, setzte er einen immer schon währenden »transzendenten Geist« als Antithese entgegen. Nur so, seine Überlegung, können wir Entscheidungen moralisch erkunden und brauchen Glück nicht mehr auf dem Sand beliebiger „Moden, Neigungen“ oder Trends zu gründen. Er näherte sich damit der Weisheit Buddha Shakyamunis an, der von der »Buddhanatur des Geistes« sprach, die von allen Neigungen frei ist.

Mit dem Postulat einer „reinen Vernunft“ wurde Immanuel Kant seltsamerweise zum Helden westlich-rationalen Denkens emporgehoben, als ob sein Ziel gewesen wäre, die Menschheit aus den Fängen mystischer Religionen zu befreien. Die Sekundärliteratur will uns allen Ernstes das Märchen erzählen, Immanuel Kant sei als einer der Väter der westlichen Denkweise ein lupenreiner Rationalist gewesen. Doch die Betonung der »Rationalität« erfasst sein Denken nur oberflächlich. Sein Wunsch nach mehr Menschlichkeit zieht sich zwar abstrakt unterkühlt, aber dennoch klar durch seine Schriften.

»Pflicht« ist ein zentraler Begriff bei ihm - ein Begriff, der in der Menschheitsgeschichte durchgängig Gewalttaten erzeugt hat. Mir als friedliebendem Menschen kräuselten sich denn auch zunächst die Nackenhaare, als ich seine Sätze über die »Pflicht« erstmals las. Er schrieb, als wolle er ungerührt vom Leid der Welt seine Gedanken formen. Lesen wir die Passagen jedoch im Kontext seiner Strategie zur Begründung einer säkular universell-moralischen Weltsicht, lugt hinter dem Begriff »Pflicht« anstatt eines autoritären ein menschenliebendes Bild hervor, welches er mit für unsere Ohren ungewöhnlich klingenden Verknüpfungen komponierte:

„Sein Leben zu erhalten, ...ist Pflicht...[2]
Wohltätig zu sein, wo man kann, ...ist Pflicht... ;[3]
seine eigene Glückseligkeit zu sichern, ... ist Pflicht.“[4]

Für den in Königsberg zurückgezogen lebenden Gelehrten waren diese Worte vermutlich Gefühlsausbrüche. Er lehnte aus tiefster Seele ein emotionales wie autoritäres Verständnis der »Pflicht« ab, weil dadurch nur die narzisstischen Überhöhungen moralischer, religiöser, politischer, wissenschaftlicher und sonstiger Autoritäten und ihrer Repräsentierenden befriedigt werden können:

„Ich will aus Menschenliebe einräumen,
dass noch die meisten Handlungen pflichtgemäß seien;
sieht man aber ihr Dichten und Trachten näher an,
so stößt man allenthalben auf das liebe Selbst,
worauf sich ihre Absicht stützt.“[5]

Das „liebe Selbst“, die Überhöhung des ICHs mit Hilfe unzähliger Neigungen, Tricks und Ösen, ist die wesentliche Ursache, warum wir unser Handeln auf Absichten und Ziele ausrichten - und ständig leiden. Diese Methode, so der hellwache Immanuel Kant, hat „keinen moralischen Wert“. Sie ist der sinnlose und verzweifelte Versuch, das eigene Leben zu rationalisieren – wobei ICH bezogene Interessen stets im Zentrum stehen. Damit kommt Immanuel Kant der buddhistischen Weisheit nahe, dass wir Gewohnheiten und begriffliche Konzepte überwinden müssen, um nicht mehr zu leiden.

Eine »pflichtgemäße Handlung« im guten Kant‘schen Sinne ist auf die „Erhaltung des Lebens“ und das „Erlangen von Glück“ ausgerichtet - sowohl für sich selbst als auch für andere. Sie ist im guten Sinn eine Form liebenden »Mitgefühls«.

„So sind ohne Zweifel auch die Schriftstellen zu verstehen,
seinen Nächsten, selbst unseren Feind, zu lieben.
Liebe aus Neigung kann kein Gebot sein,
aber Wohltun aus Pflicht ist
praktische, nicht pathologische Liebe.“[6]

Für Immanuel Kant ist „Liebe aus Neigung“ pathologisch, weil sie dem egoistischen Motiv nach Anerkennung, Raffgier oder körperlichen Gelüsten, kurz einem Narzissmus entspringt - und kaum des Wortes würdig ist. Ein radikaler Gedanke, der bei genauer Betrachtung unzähliger Liebesdramen in jungen oder alten, reichen oder armen, hetero- oder homosexuellen, mono- oder polygamen Beziehungen bestätigt wird.

Immanuel Kants historisches Vermächtnis besteht darin, »Mitgefühl« als freudige »Pflicht zum Erhalt des Lebens« in Europa philosophisch erstmals begründet zu haben. Diese für das 18. Jahrhundert tiefgreifende geistige Revolution gelang ihm genial in seiner Abhandlung über die Grundlegung der Metaphysik der Sitten. Hierzu führte er listig den zunächst unbestimmten Begriff „Maxime“ ein, um den »Geist« von den üblichen Interessen zu entwöhnen:

„Eine Handlung aus Pflicht
hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht,
die dadurch erreicht werden soll,
sondern in der Maxime,
nach der sie beschlossen wird.“[7]

Nicht unsere „Absichten“ für oder gegen eine Handlung sind entscheidend, ob wir moralisch »richtig« oder »falsch« handeln, weil Absichten grundsätzlich individuellen Interessen entspringen. So ist die hehre Absicht mancher Umweltbehörden, heimische Tierarten vor Eingeschleppten zu schützen, kein einwandfreies Argument für das damit verbundene massenhafte Töten. Würden wir Ziele und Interessen sowie deren Wirkungen als Begründungen für moralisches Handeln nutzen, wären wir der Beliebigkeit von Neigungen, politischen oder religiösen Ideen, die sich im Laufe der Zeit bekanntlich ändern, oder sonstigen Moden und Trends hilflos ausgeliefert.
Immanuel Kants Argument gegen das Gewohnte ist grundlegend und lautet zusammengefasst:

Eine auf Traditionen basierende Moral
kann nur auf tradierten Verabredungen basieren,
ist beliebiges, sinnloses Geschwätz.

Es ist ein radikaler Gedanke, den wir zunächst scheuen. Schauen wir aber genauer hin und denken eine Weile darüber nach, finden wir den Gedanken anhand vieler historischer Beispiele bestätigt:

 Die Geschichte der Sklaverei im Vorzeigeland der Freiheit, den USA, lehrt uns beispielsweise, dass die »wirtschaftlichen Interessen« der Baumwollbarone selbst im Dampf des christlichen Weihrauchs der Nächstenliebe zum moralischen Maßstab und zur Rechtfertigung der Sklaverei in den Südstaaten erhoben wurden. Obwohl die Siedelnden und ihre Familien selbst mit Flüchtlingsbooten erst wenige Jahrzehnte zuvor aus Europa vor den gleichen sklavenähnlichen Verhältnissen nach Nordamerika geflüchtet waren.

 In Japan oder China wird aufgrund jahrhundertalter Monarchien und rigider »hierarchischer Interessen« bis heute die Ablehnung fremder Kulturen und Menschengruppen (gr.: Xenophobie) so intensiv gelebt, dass ausländische Menschen oder Unternehmen keine Mehrheit an inländischen Unternehmen halten dürfen. Nicht-japanische oder nicht-chinesische Menschen werden trotz Globalisierung als minderwertig angesehen und sprachlich entsprechend abgewertet.

 Selbst politische Ziele zur Vernichtung einzelner ethnischer oder religiöser Gruppen wurden aufgrund »politischer Herrschaftsinteressen« in manchen Gesellschaften zur Moral erhoben. Das wird besonders anhand der traurig-abscheulichen Geschichte des faschistischen Deutschlands sowie aller autoritären Gesellschaften sichtbar: Im nationalsozialistischen Deutschland SS wurde es für „anständig gehalten“, die „deutsche Rasse vom jüdischen Blut zu befreien.“

 Die ehemaligen Sowjetrepubliken werden seit Jahren von ethnischen Konflikten erschüttert, bis hin zu Bürgerkriegen in Georgien, Tschetschenien und der Ukraine. Die Bürgerkriege sind eine Folge »geistiger Verwirrungen«, wonach sich irgendeine Gruppe stets höher wähnt als eine andere. Das Selbstverständnis der Menschen nach fast 70 Jahren kommunistischer Diktatur wird in Russland, Weißrussland, Kasachstan, der Ukraine und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken vom »autoritär gebundenen Charakter« so stark diktiert, dass sie autoritäre Führer zu Präsidenten wählen.

 Selbst in Ungarn, einem Mitglied der Europäischen Union, in der alle Mitglieder sich zur »Charta der Menschenrechte« verabredet haben, ist heute wieder ein fast schon offener Faschismus tätig. Die Menschen und Familien Ungarns haben offenbar ihre emotionalen Bindungen sowohl am Nationalsozialismus als auch am Sowjetsozialismus nicht überwunden – zumal sie zuvor Jahrhunderte der autoritären K&K Monarchie ertragen haben.

 Ähnliches können wir in der Türkei beobachten. Dem Untergang des brutalen, menschenverachtenden Osmanischen Reiches, das über 400 Jahre rund um das östliche Mittelmeer wütete , trauern viele türkische Menschen nach. Verwirrt vom Untergang ihrer einstigen »Interessenshemisphäre« wählen sie seit Jahren einen Größenwahnsinnigen zu ihrem Präsidenten.

 Fast alle Staaten Europas sahen sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Opfer einer kleinen NS-Clique, obwohl, wie Hannah Arendt in ihrer bewegenden Analyse Eichmann in Jerusalem dargelegt hat, die Mehrheit der europäischen Bevölkerung vom Virus des Faschismus und Antisemitismus befallen war, wie die Deutschen „Heil!“, die Italiener „Duce!“, die Spanier „Caudillo!“ riefen und ihren »Führern« blindlings huldigten .

Raphael Gross (Jahrgang 1966) hat in seiner herausragenden moralgeschichtlichen Analyse Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral beschrieben, dass,

„wenn Ethnologen von Moral sprechen,
sie die Regelmäßigkeiten im Verhalten meinen,
die auf sozialem Druck beruhen.“[8]

Eine vereinbarte Moral, die auf „Absichten und Neigungen“ ruht, ist nur ein Resultat von Herrschaftsstrukturen. Sie entsteht aus sozialem Druck und einer Gewalt zur Durchsetzung von »Interessen«. Das kann keine Basis für eine »universelle«, menschenwürdige Lebensweise sein, weshalb wir so vereinbarte Verhaltensnormen nur als »partikulare Moral«, als von »Interessen« geleitete Verabredungen bezeichnen können. Ähnlich sind auch die Verhaltenskodizes vieler Unternehmen zu betrachten, die Mitarbeitende zu der sinnlosen Haltung animieren, „Feinde im Markt zu vernichten“.

Die Moral aller totalitären Gesellschaften sowie die mit moralischem Gestus diktierten Verhaltensnormen militärischer wie hierarchischer Organisationen basieren im Sinne Immanuel Kants nicht auf Regeln, die für das menschliche Zusammenleben sinnvoll sind, weil sie nur eine autoritäre Durchsetzung von Herrschaft anstreben.
Ernst Tugendhat (Jahrgang 1930) stellte in diesem Kontext fest, dass

„moralische Normen in einem Ensemble
wechselseitig voneinander erwarteter
moralischer Gefühle verankert sind.
Moralische Gefühle von Groll, Schuld und
Empörung sind feste Bestandteile der
deutschen Gesellschaft im Nationalsozialismus gewesen
und in ihr so wenig dem Zufall überlassen
wie in irgendeiner anderen autoritären Gesellschaft.“[9]

Zerstörerische Gefühle von Stolz, Hass oder Gier bildeten die emotionale Basis der Menschen im nationalsozialistischen Deutschland ebenso wie sie die Grundlage jedes totalitären Staates und aller autoritären Organisationen darstellen. Wir leiden in »autoritär geführten« Unternehmen und Verwaltungen, weil wir intuitiv wissen, dass sie unmenschlich sind.
In Deutschland existierten diese Gefühle schon lange vor der Reichstagswahl 1933 – aufgrund dessen Adolf Hitler am 30. Januar zum Reichkanzler ernannt wurde. Sie fanden in der Machtübergabe an die NSDAP durch Präsident Hindenburg lediglich einen politischen Ausdruck . Daran können wir ablesen, dass Wahlen kein ausreichendes Merkmal demokratischer Staaten sind – was die Erfahrungen des so genannten Arabischen Frühlings bestätigen.

Die »geistigen Faktoren«, die den Holocaust ermöglichten und Millionen Menschen den Tod brachten, waren mindestens seit dem Sieg Preußens über Napoleons Armee in der Schlacht von Leipzig 1813 und der nachfolgenden Gründung des Wilhelminischen Kaiserreiches in den „moralischen Gefühlen“ der Menschen Deutschlands mit Hilfe preußischer Zucht und Ordnung verankert worden. Deshalb schreien heute immer noch manche Väter und Mütter ihre Kinder an und erteilen ihnen den sinnlosen Befehl: „Bei uns wird sich an Regeln gehalten! Verstanden!“ Raphael Gross schloss hieraus mit feinem Gespür:

„Hierin liegt nicht zuletzt ein Grund
für das Fortwirken der NS-Moral nach 1945:
Ein [partikulares] Moralsystem ist tiefer in intersubjektiv eingeübte
und subjektiv übernommene Verhaltensweisen,
in Gefühle eingewoben als politisch-ideologische Überzeugungen.
Es überlebt auf andere Weise.“[10]

Bedenken wir diesen grundlegenden Zusammenhang, wird erklärbar, warum Fremdenfeindlichkeit bei zu vielen Menschen in Deutschland und Europa heute noch eine emotionale Basis hat. Zwar teilweise noch schüchtern und nicht so sehr auf Menschen jüdischen Glaubens ausgerichtet, sondern dieses Mal Muslime und afrikanische Flüchtende im Fadenkreuz sichtend. Doch wer Flüchtlingsunterkünfte anzündet, in denen Menschen wohnen werden, die vor Krieg und Elend flohen, ist am »Geiste« schwer erkrankt, weil er oder sie nicht mitfühlen kann. Buddha Shakyamuni nannte den geistigen Zustand, der durch Hass oder Begierde erzeugt wird denn auch Verwirrung.

Interessant ist zu beobachten, dass Fremdenfeindlichkeit im Osten Deutschlands scheinbar stärker wirksam ist - zumindest artikuliert sie sich dort lautstärker als im Westen, sichtbar etwa an den Massendemonstrationen in Dresden. Dies weist darauf hin, dass die »schädigenden Geistesfaktoren«, die durch »autoritären Gesellschaftsstrukturen« seit 1813 im »Geist« fast aller Menschen Deutschlands und vieler Menschen Europas erzeugt worden waren, sich nach 1945 bei den Bürgerinnen und Bürgern der ehemaligen DDR weniger gut aufgelöst haben als bei den meisten im Westen, die immerhin eine 45jährige Demokratisierung ihres »Geistes« erleben durften.

Auch wenn die DDR-Regierung stets das Wort vom „antifaschistischen Schutzwall“ im Munde führte, hat die SED Einheitspartei – wie in allen Diktaturen üblich – autoritäre Ängste mit dem Ziel einer Unterwerfung der Menschen unter die Ägide der Partei geschürt. Sowohl die SED der DDR als auch die KPDSU in der Sowjetunion waren ja für ihre rigorosen Vorgehensweisen und brutalen Vernichtung Andersdenkender gefürchtet. Bis hin zu jenen Gulags (Lagern), die für die heutige KP Chinas oder der CIA auf Kuba scheinbar Vorbild sind.

Aus diesen Beobachtungen können wir mit gutem Gewissen den grundlegenden Rückschluss ziehen:

Alle auf einem autoritären, hierarchischen »Führerkult«
basierenden Gesellschafts- und Organisationsmodelle
sind moralisch, politisch und ökonomisch
für ein glückliches Leben ungeeignet.
Ohne die Überwindung des
autoritär gebundenen Charakters
bleibt Glück nur ein Traum.

Die Konsequenzen aus dieser Analyse lassen sich nun leicht beschreiben:

(i) Je weniger Menschen ihre emotionalen und geistigen Verwirrungen aufgrund autoritärer Erfahrungen erkennen und aufarbeiten, desto größer ist die Gefahr, dass sie ihren dabei erlernten Fremdenhass (gr.: Xenophobie) auf ihre Kinder übertragen, bei denen dies wie eine nicht verheilende Wunde immer wieder aufbrechen wird. Solange der »Geist« aller Menschen nicht von der Krankheit des Hasses und der Ausgrenzung geheilt ist, bleibt Faschismus eine virulente Gefahr - in allen Staaten weltweit.

Weil zu viele Erwachsene im Europa der Nachkriegsjahre die Überwindung ihrer »schädigenden Geistesfaktoren« Hass und Stolz - die sie emotional mit dem autoritären und menschenverachtenden Weltbild des europäischen Faschismus in all seinen Formen verbanden - nicht vollzogen haben, brennen in Deutschland Flüchtlingsheime, bauen Regierungen in Ungarn und Slowenien Zäune, erzürnen sich rechtsnationale Parteien in Österreich, Frankreich, Skandinavien über Menschen, die einfach nur Hilfe brauchen. Deshalb werden Hilfsbedürftige, die aus ihrer Heimat mit von uns erdachten und produzierten Waffen vertrieben wurden, in Ungarn, Rumänien, Italien oder Griechenland wie Tiere in Lagern gehalten. Sie werden durch Polizisten und Polizistinnen, die ihnen Tüten mit Lebensmitteln und Wasserflaschen über Zäune werfen, wie Tiere behandelt. Wer möchte so etwas je selbst erleben?

Solche abscheulichen Verhaltensweisen sind in Europa wieder möglich, weil zu viele Kinder die emotionalen Wertvorstellungen ihrer Eltern und Großeltern, die den untergegangenen »Führern« Hitler, Mussolini, Franco, Vichy, Horthy und anderen nachtrauerten, übernommen und einen stark »autoritär gebundenen Charakter« ausgebildet haben.


(ii) Zum Glück können wir aber auch eine Heilung vieler »Geister« beobachten: Die heilsamen Erfahrungen eines Lebens in demokratischen Staaten, in denen »die Würde des Menschen unantastbar ist«, hat offenbar viele Menschen freudig und inniglich berührt. Besonders die Proteste der 1968er Generation sind Ausdruck dafür.

Seither schalten sich Menschen in Form vielfältiger Umwelt-, Frauen-, Friedens- und Menschenrechtsbewegungen in allen Ländern Europas in gesellschaftliche Diskurse ein. Sie stimmen millionenfach im Internet gegen die Verletzung der »Würde eines jedes Menschen«. Manchmal schaffen sie es sogar, mit Petitionen und Briefen Gefangene aus Gefängnissen von Terrorstaaten wie Saudi-Arabien oder der Türkei zu befreien.

Diese neuen Erfahrungen bilden die emotionale Basis für die leise, wie selbstverständlich und mit viel Engagement vorgetragene und gelebte Hilfsbereitschaft Tausender Menschen für den Schutz der vor Krieg und Terror Flüchtenden, für den Schutz der Presse- und Meinungsfreiheit, für den Schutz hilfsbedürftige Frauen, Männer und Kinder in allen Lebenslagen und natürlich auch für den Schutz der Umwelt, der Basis unseres Lebens.

Hieraus können wir lernen: Wenn sich in der Jugend Widerstand gegen Menschenverachtung regt, findet eine Heilung vieler »Geister« von »schädigenden Geistesfaktoren« wie Hass, Stolz und Begierde statt. Deshalb ist jeder Protest gegen autoritäre, militärische und hierarchische Gesellschaftsstrukturen und Tendenzen freudig zu begrüßen. Eine entsprechende Erziehung in Kindergärten und Schulen ist zu fördern. Je schwächer sich der »autoritär gebundene Charakter« von Kindern und Jugendlichen entwickelt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen humanen Weltgemeinschaft.

Zweifelnde rufen manchmal leise, manchmal laut: „Hey, ihr Buddhisten folgt doch auch eurem Buddha. Ist er nicht euer Führer? Brauchen wir nicht alle irgendeine Führung?“ Diesem Einwand hätte Buddha Shakyamuni liebevoll mit folgenden Worten begegnen:

Ihr Nonnen und Mönche,
ihr Laien und sonstigen Lernenden,
folgt nicht meinen Worten
nur aufgrund einer Autorität,
die ihr mir zuschreibt.
Prüft vielmehr jeden Gedanken den ich erkläre
mit größter Sorgfalt in eurem Geist,
so wie Gold zwecks Unterscheidung
von unedleren Metallen geprüft werden muss.
Niemand als ihr selbst kann euch vom Leid befreien.
Nur mit eurem Geist könnt ihr euch aus dem Elend retten.
Dazu möchte meine Lehre euch eine Stütze sein.

Buddha Shakyamuni vermittelte eine einzigartige antiautoritäre Geisteshaltung, mit der wir aus »umfassendem Mitgefühl« für alle fühlenden Wesen lernen, wie wir uns und andere aus den Fängen der leidvollen Daseinskreisläufe (skr.: Samsara) befreien können. Immanuel Kants Idee einer freudigen „Pflicht zum Erhalt des Lebens“ kann mit einer buddhistischen Lebenshaltung endlich verwirklicht werden.

Daher sollten wir die Worte »Führung und Führer« aus zumindest aus dem deutschen Vokabular streichen – alleine schon aus Respekt vor den Millionen Toten des Holocaust sowie unzähliger Führerstaaten auf allen Kontinenten. Noch niemals haben »Führer« Heilsames bewirkt. Sie sind stets von narzisstischen Stürmen verwirrt. Diese Schleier gilt es zu entfernen, mit allen heilsamen wie gewaltfreien Mitteln.

Wir können folglich all diejenigen, die Loyalität oder Gefolgschaft fordern, die ihre vermeintliche Autorität wie eine Monstranz vor sich hertragen oder sich rühmen, wie ein »Gott« heilend wirken zu können, mit ruhigem Gewissen von der Liste vertrauenswürdiger Personen streichen. Das gilt für selbsternannte Gurus ebenso wie für Vorgesetzte und andere in leitenden Funktionen in Unternehmen, Verwaltungen und anderen Organisationen. Das gilt ebenso für lautstark predigende Professoren und Professorinnen, die behaupten, sie hätten den Stein der Weisen wo auch immer gefunden. Und selbstverständlich gilt es für Politikerinnen und Politiker, die mit rein rhetorischem Geschick versuchen, Hass und Eigennutz, Wut und Gier anzuheizen – womit sie uns aber vom Wesentlichen des Lebens – umfassendem Mitgefühl - ablenken.

„Denken Sie nach!“ [11] hallen die Worte des Dalai-Lama nach, der uns beständig motiviert, durch eigenes intuitives Denken und Fühlen den Weg zur Befreiung vom Leid durch »umfassend mitfühlendes Handeln« zu finden. In der tibetischen Sprache werden für die Reinigung des Geistes zwei Silben verwendet werden:

dschang tschub
(dt.: Reinigung des Geistes).

[1] Lucius Seneca, Briefe an Lucilius, Brief 85
[2] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 22
[3] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 23
[4] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 25
[5] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 35
[6] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 26
[7] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 26
[8] Ralph Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, S. 12
[9] Ralph Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, S. 12
[10] Ralph Gross, Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral, S. 13
[11] Der Dalai-Lama rief den etwa 10.000 Zuhörenden einer Vorlesung über Shantidevas Bodhicaryavatara am 24. August 2014 in Hamburg immer wieder zu: „Denken Sie nach!“ Er verwies auch auf die besonderen Fähigkeiten des Geistes zur Selbstreinigung, die als dschang tschub bezeichnet wird. Siehe hierzu: Hans Korfmacher, Bericht über den Besuch des Dalai-Lama am 24. August 2014 in Hamburg, www.dharma-university-press.org

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