Lebenskreise (Band 2): Geist und Glück - Kapitel 2: Freiheit und Philosophie

Lebenskreise (Band 2): Geist und Glück - Kapitel 2: Freiheit und Philosophie

von Hans Korfmacher

Fragen wir danach, welche „Theorien“ unseren Geist prägen, stoßen wir auf diverse Ideen europäischer Philosophen und Philosophinnen, die unserem Denken und Fühlen selbst nach Jahrhunderten eine Richtung geben:

Die Griechen Heraklit (535 – 475 v. Chr.), Sokrates (469 – 399 v. Chr.), Platon (428 – 348 v. Chr.), Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), Epikur (341 – 270 v. Chr.) und Karneades von Kyrene (214 – 129 v. Chr.) dachten viel über den Geist und die Psyche sowie deren Bedeutung für das Zusammenleben in einem Gemeinwesen nach. Ihre Gedanken regen uns bis heute ebenso an wie die Ideen der griechischen Philosophinnen Aspasia von Milet (470 – 420 v. Chr.) und Hipparchia (um 340 v. Chr.), in deren Salons einst Sokrates und Platon diskutierten. Schon damals stand die »Gleichwertigkeit« aller Menschen im Zentrum der Debatten – ob in kleinen Kreisen oder auf Marktplätzen. Die griechischen Denkenden initiierten die erste »Aufklärungswelle« zur Überwindung autokratischer Herrschaftsverhältnisse in Europa.

Ihnen folgten römische Denkende wie Marcus Cicero (105 – 43 v. Chr.), Lucius Seneca (4 v. Chr. – 65 n.Chr.), Marc Aurel (121 – 180). Sie dachten über den Staat, die Moral und die Ursachen des Leidens nach und beendeten die philosophische Epoche der Antike. Dem Untergang des gewalttätigen Römischen Reiches, an dem es nichts zu bewundern gibt, folgten die ebenfalls gewaltvollen Zeiten römisch-katholischer Kirchenherrscher. Päpste und Kardinäle italienischer Dynastien dominierten, ja terrorisierten Europa wie zuvor Kaiser und Senatoren des antiken Roms. Sie betrieben die Unterdrückung der Menschen unter dem Deckmantel einer neuen Religion.

Philosophisch traten in der christlichen Periode die Theologen Augustinus von Hippo (354 – 430), Thomas von Aquin (1225 – 1275) und Meister Eckhart (1260 – 1328) hervor. Zusammen mit den am praktischen Glück orientierten christlichen Denkerinnen Hildegard von Bingen (1098 – 1179) und Margareta Porète (1250 – 1310) prägten sie das europäische spirituelle Denken und die den Geist betreffende Sprache so grundlegend, dass wir noch heute bei jedem Nachdenken über Transzendentes (dt.: jenseits der sinnlichen Erfahrung) spontan die Vorstellung eines »Vater-Gottes« vor dem inneren Auge erleben. Die damit verbundenen kindlichen Gefühle wurden mit unzähligen Fresken, Malereien und Skulpturen, Chorälen wie Litaneien aufrechterhalten. Wir wurden zu Kindern eines christlichen Weltbildes, die der strengen Autorität eines »Vater-Gottes« blindlings huldigen.

Erst Martin Luther (1483 – 1546), der den Begriff »Seele« (gr.: Psyche) sowie die damit verbundenen altgriechischen Ideen in die deutsche Sprache einführte, und Galileo Galilei (1564 – 1642), der das kosmische Weltbild der römisch-katholischen Kirche tiefgreifend erschütterte und ihre Unfehlbarkeit widerlegte, beendeten die intellektuelle Herrschaft der römisch-katholischen Kirche. Sie initiierten die zweite »Aufklärungswelle« Europas, ohne die unser heutiges Denken nicht möglich wäre.

Seit gut 400 Jahren denken Begründer und Begründerinnen eines neuzeitlichen, aufgeklärten Weltbildes über das Leben und dessen Sinn nach. Sie prägen die „Theorien“ im »westlichen Geist«, obwohl uns die zugehörigen Details selten bekannt sind: Francis Bacon (1561 – 1626), René Descartes (1596 – 1650), Hugo Grotius (1583 – 1645), Baruch Spinoza (1632 – 1677), John Locke (1632 – 1704), Francois Voltaire (1694 – 1778), David Hume (1711-1776), Laura Bassi (1711 – 1778), Jean J. Rousseau (1712 – 1778), Adam Smith (1723 – 1790), Immanuel Kant (1724 – 1804), Jeremy Bentham (1748 – 1832), Olympe de Gouges (1748 – 1793), Friedrich W. J. Schelling (1775 – 1854), Georg F.W. Hegel (1770 – 1831), John Stuart Mill (1806 – 1873), Karl Marx (1818 – 1883), Friedrich Nietzsche (1844 – 1900) und viele andere haben mit unzähligen Argumenten die vermeintlich dominante Herrschaft eines »Vater-Gottes« und seiner irdischer Vertreter hinterfragt. Sie gelangten auf Wege zur Überwindung autoritärer Gesellschaftsformen, die wir allerdings meist gewohnheitsmäßig ignorieren. Den Kern ihrer Gedanken – die Befreiung vom Leid – wollen wir offenbar nicht hören. Wir hängen offenbar zu sehr an unseren Freuden wie Leiden.

Die großartigen Denkenden des 20. Jahrhunderts versuchen seither die offensichtliche Lücke eines nichtexistenten »Vater-Gottes« mit frischen Ideen zu füllen. Sie verfestigten das intuitive Wissen jedes Menschen, dass es ein »göttliches Jenseits« nicht gibt und wir die Befreiung selbst angehen müssen: Sigmund Freud (1856 – 1939), Edmund Husserl (1859 – 1938), Max Weber (1864 – 1920), Ernst Bloch (1885 – 1977), Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951), Martin Heidegger (1889 – 1976), Walter Benjamin (1892 – 1940), Max Horkheimer (1895 – 1973), Gilbert Ryle (1900 – 1976), Erich Fromm (1900 – 1980), Karl Popper (1902 – 1994), Theodor Adorno (1903 – 1969), Hans Jonas (1903 – 1993), Hannah Arendt (1906 – 1975), Jean P. Sartre (1905 – 1980), Simone de Beauvoir (1908 – 1986), Simone Weil (1909 – 1943), Stéphane Hessel (1917 – 2013), John Rawls (1921 – 2002), Michele Foucault (1926 – 1984), Jaques Derrida (1930 – 2004) und die noch immer emsigen Jürgen Habermas (Jahrgang 1929), Ernst Tugendhat (Jahrgang 1930), Thomas Nagel (Jahrgang 1937), Nancy Frazer (Jahrgang 1947) und Axel Honneth (Jahrgang 1949) waren und sind kreativ im Erdenken neuer Weltbilder (gr.: paradeigma). Unverdrossen weisen sie auf die Existenz und die große Bedeutung des »Geistes« für das Leben und das Zusammenleben in Gesellschaften hin. Sie fordern uns zum Nachdenken über das eigene Sein auf – damit wir uns endlich vom Leid befreien.

Doch wie Taube überhören wir ihre Ideen. Viel zu selten lassen wir metaphysische Gedanken (dt.: jenseits des Physischen) ins Bewusstsein treten, klammern uns stattdessen an Materie. Sich der Transzendenz (dt.: jenseits der Erfahrung) der Weltbilder und Ideen im eigenen »Geist-Ich« bewusst zu werden, ist jedoch für das Verstehen des Lebens und - im Sinne der Weisheit des Dalai-Lama - für das eigene Glück unabdingbar. Denn wir alle sind eingebunden in einen großen historischen Geistesstrom, den Georg W.F. Hegel »Weltgeist« und Buddha Shakyamuni »Daseinskreisläufe« (skr.: Samsara) nannte.

Beim Studium der Werke der Philosophen und Philosophinnen in den vergangenen Jahren war ich oftmals erstaunt: Die in den Originalwerken vorgetragenen Gedanken sind vielfach anders, als sie in der Sekundärliteratur vermittelt werden. Michel Foucault erklärte hierzu in seiner Antrittsvorlesung am Collège de France 1970:

„Primär- und Sekundärtexte spielen zwei einander ergänzende Rollen.
Einerseits ermöglicht ein Primärtext,
endlos neue Diskurse zu konstruieren;
seine Fortdauer, sein Status als
immer wieder aktualisierbarer Diskurs
der vielfältigen und verborgenen Sinne,
als dessen Inhaber er gilt,
animieren uns zu immer wieder neuen Bildern...
Andererseits hat ein Kommentar die Aufgabe, das zu sagen,
was im Primärtext verschwiegen artikuliert war.
Er muss gewissermaßen zum ersten Mal das sagen,
was dort implizit gesagt wurde.“[1]

Beim Lesen eines Textes müssen wir stets nach dem hintergründigen Sinn einer Aussage und den Zielen eines Autors respektive einer Autorin fragen: Welche Motive verfolgen Denkende, wenn sie neue Perspektiven auf die Welt ersinnen? Inwieweit sind ihre Gedanken mit den in ihrem »Geist« vorhandenen „Theorien“ verwoben? Welche historischen Entwicklungen spiegeln sich in ihren Worten wider?
Aus meiner heutigen, buddhistisch geprägten Sicht sind viele westliche Philosophen und Philosophinnen mit ihren Erkenntnissen sehr viel näher bei den Ideen der östlichen Denkenden, als wir uns dies üblicherweise vorstellen. Das bestätigte ausgerechnet der Materialist Ernst Bloch in einem Gespräch 1977:

„Die Antworten und Lösungen der östlichen Philosophien
sind nicht unbedingt die unseren,
aber ihr Gewissen ist philosophisch,
sie wollen etwas verstehen.
Ihre Antworten enthalten einen verwandten Zug,
der bei Sokrates, bei Platon, bei Aristoteles, bei Hegel, bei Kant
unverwechselbar wiederkehrt.
Deshalb liegen die Antworten der endgültigen Gewissheiten,
der Letztbegründungen außerhalb des Bereichs menschlichen Denkens,
aber nicht außerhalb eines Bereichs, den es auch gibt,
nämlich dem des »Eingedenkens«,
wie ein mittelalterlicher mystischer Ausdruck besagt.
Das ist eine Kategorie, die echt philosophisch ist:
»Eingedenken«, etwas nicht vergessen,
Auftrag, Postulat, das besteht.“[2]

Offenbar wussten alle Denkende des Osten wie des Westens, dass etwas Transzendentes (dt.: jenseits der sinnlichen Erfahrung) und Metaphysisches (dt.: jenseits des Physischen) existiert – und dennoch von dieser Welt ist. Meister Eckehardt nannte das „Eingedenken“. Buddhistische Gelehrte bezeichnen es als „Gewahrsein“. Wie Albert Einstein vermuteten alle tiefgründig Denkenden im »Geist-Ich« eines jeden Menschen eine universelle „Theorie“; gewissermaßen eine »Natur des Geistes«, die uns zur Orientierung im Leben verhilft - falls wir gerade einmal nicht von zerstörerischen Emotionen wie Hass oder Habgier verwirrt sind.

Die landläufigen Interpretationen der Schriften Immanuel Kants sind ein drastisches Beispiel für den Widerspruch zwischen Original- und Sekundärliteratur. Sein Werk wird fast durchgängig auf den »freien Willen« reduziert. Er muss als philosophischer Fels herhalten, auf dem die »absolute Freiheit« erschaffen wird. Der »freie Wille«, respektive die »Freiheit«, ist zum Synonym der westlichen Welt geworden, wie dies an den großen Demonstrationen angesichts der brutalen Angriffe auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris im Januar 2015 sichtbar wurde. Der »freie Wille« ist zum Credo und Glaubensbekenntnis des Westens geworden, das neue Goldene Kalb, um das wir tanzen. Diese »Freiheit«, so die Hoffnung, soll befähigen, das zu tun, was jedem Menschen beliebt, ohne irgendeinem „Herrn fragen zu müssen“, wie es John Locke (1632 – 1704) als einer der ersten Denker des »Liberalismus« in seinem Naturrecht formuliert hatte.
Die einseitige Interpretation des Kant’schen Denkens als Philosophie »absoluter Freiheit« entsprach wohl, wie Hannah Arendt feststellte, dem »Weltgeist« des ausgehenden 18. Jahrhunderts:

„Unmittelbar nach Immanuel Kant
wurde es plötzlich Mode,
Wollen und Sein gleichzusetzen.
So erklärte Friedrich Schiller (1759 – 1805):
»Es gibt in dem Menschen keine andere Macht als seinen Willen,
und der Wille als Grund der Wirklichkeit
verhält sich gegen seine Triebe als Macht.«...
Friedrich W. J. Schelling (1775 – 1854) stellte apodiktisch fest:
»Es gibt in der letzten Instanz
gar kein anderes Sein als Wollen.«“[3]

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde der »Wille« in den Olymp des »Göttlichen« gehoben - als ob das Leben dadurch erst möglich würde. Diese Geisteshaltung hat sich in den »westlichen Geist« eingebrannt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Sie bestimmt in weiten Teilen unsere Beziehungen zur Welt, weshalb wir stets nach einer »Willensfreiheit« fragen, welche wir beispielsweise im Internet höher bewerten als kriminelle Handlungen etwa aufgrund von Kinderpornographie, Darstellungen sexualisierter Gewalt oder der Hetze gegen Andersgläubige und Andersfarbige. Wie Lemminge folgen wir blind dem Schlachtruf:

„Freiheit über alles!“

Die gesellschaftlichen Prozesse zur Forcierung der »Freiheit über alles« beschleunigten sich im 19. Jahrhundert. Fast allen fortschrittlich Denkenden wurde damals klar, dass die Herrschaft Einzelner - ob Kaiser, Könige oder Fürsten - oder kleiner elitärer Gruppen überwunden werden musste, sollte ein menschenwürdiges Dasein für jeden Menschen erreicht werden. Die »Freiheit von der Tyrannei des Adels« wurde zum »Ideal«, versinnbildlicht in den vermeintlichen Symbolen Hambacher Schloss und Paulskirche in Deutschland. Deshalb trällern wir heute freudig Lieder wie „Die Gedanken sind frei der damalig noch freien Studentenvereinigungen - die sich heute meist als braun-nationalistische Bruderschaften gerieren.

Gleichzeitig wurde die »Freiheit« ins »Absolute« überhöht, was eine »Befreiung vom Leid« verhindert. Wir, die wir uns heute als modern und aufgeklärt bezeichnen, verstehen »absolute Freiheit« als Bedingung für ein glückliches Leben - wobei die gängige Lesart eine narzisstische »Freiheit« meint: Das überhöhte ICH soll entscheiden, welche Handlungsoptionen und damit welche Interpretationsmöglichkeiten über die Welt ICH nutzen will. Schließlich geht doch es um MEINE Bedürfnisse und MEINE Interessen. MEIN Glück steht über allem.

Der Fokus auf die »absolute Freiheit« hat aber die vermutlich unbeabsichtigte, aber durchaus relevante Nebenwirkung, dass erneut kleine elitäre Gruppen unsere Gesellschaften nach ihren Bildern prägen wollen: Banker, Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende, ausgewählte Professoren und Professorinnen, Politiker und Politikerinnen stellen sich - wie einst der Adel und Päpste - über andere. Sie maßen sich an, die Welt nach ihren Werten gestalten zu wollen. Hierauf angesprochen verteidigen sie sich mit dem Argument, dass das gemeine Volk dazu nicht fähig sei, da es das notwendige Wissen nicht habe. Sie verweisen stolz auf das Credo John Stuart Mills (1806 - 1873):

„Ein höher begabtes Wesen verlangt mehr zu seinem Glück als ein niedrigeres Wesen.“[4]

Obwohl von John Stuart Mill nicht so intendiert, wird sein Gedanke zur Begründung einer vermeintlich natürlichen »Ungleichwertigkeit« von Menschen herangezogen. Jene, die sich als »höhere Klasse« (engl.: upper class) verstehen, wollen von oben herab herrschen. Den meisten der heutigen »Eliten« scheint es denn auch wichtiger zu sein, ihre eigenen Sichtweisen auf die Welt und ihre Gestaltungsziele durchzusetzen - egal ob dadurch Menschen sterben, ihre Arbeit und damit ihre Lebensgrundlage verlieren oder ob sie anderes strukturelles Leid ertragen müssen.

Die vermeintlich »Höherwertigen« rufen ihren Kritikern zu: „Ja wer, wenn nicht wir, kann überhaupt wissen, wie die Zukunft sinnvoll zu gestalten wäre? Dafür muss man schon studiert haben!“ Blindlings betrübt es sie auch nicht, dass sie in ihrem Größenwahn Technologien etablieren, die schon bei kleinen Fehlern zu Katastrophen führen und millionenfaches Leid sowie gewaltigen ökonomischen Schaden anrichten – sichtbar beispielsweise an den Folgen der Atomkraft in Tschernobyl und Fukushima.

Die Hauptsache scheint zu sein, dass die Regeln einer Gewinnmaximierung für Einzelne eingehalten werden – Methoden früherer Raubritter. Die Wirkungen sind ähnlich brutal: Durch „Bankraube von innen“ [5] wurden zuerst Banken, dann Staatskassen ausgeplündert, sodass Menschen in Griechenland an fehlenden Medikamenten oder Operationsmaterialien sterben.

Mit der Überhöhung der »Freiheit ins Absolute« wird sie zu einem gedanklichen Konstrukt, das andere ausgrenzt und auf sie keine Rücksicht mehr nimmt. Eigennutz und vermeintliches Glück stehen in der »liberalen Ideologie« folglich im Vordergrund. Die Idee einer »absoluten Freiheit« machte aber selbst vor der Sklaverei oder der Vernichtung vermeintlich minderwertiger Ethnien mit Hinweis auf John Locke und Jeremy Bentham (1748 – 1832), dem modernen Erneuerer des »Utilitarismus« („Lehre, die im Nützlichen die Grundlagen sittlichen Verhaltens sieht“ ), keinen Halt: Hätten Weiße und andere angeblich „höher begabte Wesen“ doch stets einen besseren Überblick über das, was die Welt glücklich machen könnte.

Der stets auf einen Nutzen (engl.: utility) ausgerichtete »Liberalismus« trug folglich Argumente vor, die zur Rechtfertigungen des verheerenden europäischen Kolonialismus dienten: Seien es die unzähligen Kriege des britischen Empire, das seit Königin Elisabeth I. (1533 – 1603) mit 90% aller heutigen Staaten Kriege geführt hatte. Seien es die kolonialen Eroberungskriege aller europäischen Staaten in Afrika, Südamerika oder Asien. Oder seien es die US-amerikanischen Eroberungskriege mit der Annexion der Gebiete des heutigen Texas, Arizonas, Kaliforniens, die der aktuellen Vereinnahmung der Krim durch Russland vergleichbar ist.

Die Spätfolgen des kolonialen Wahnsinns erleben wir heute: In Afrika morden waffenstarrende Diktatoren oder ihre gleichfalls herrschaftssüchtigen Kontrahenten. In Südamerika herrscht in allen Staaten extreme Gewalt aufgrund unendlicher Armut und krimineller Banden, während die Oberschicht Land und Rohstoffe des Landes unter sich verteilt und ausplündert. Im Nahen und Mittleren Osten leiden schon mehrere Generationen unter Bürgerkriegen – es könnte ein hundertjähriger Krieg werden. Aufgrund dessen suchen Millionen Menschen bei uns in Europa Zuflucht. Wir trugen auch mit unseren »liberalen Ideen« die Gewalt in ihre Heimat – und die Waffen gleich mit.

In seiner extremen Ausprägung ist der auf einem kämpferischen Naturrecht basierende »Liberalismus« – beispielsweise manifestiert in der Gesinnung des Silicon Valley - so fundamental menschenverachtend wie religiöse Fanatiker im Nahen Osten: Menschen werden zu Instrumenten einer App degradiert. Sie werden gezwungen, sich als „task rabbits“ wie die Sklaven Roms unter ökonomischen Herrschaftsbedingungen zu verdingen.

Instrumentalisierung und andauerndes Leid sind die prägenden Merkmale »absoluter, utilitaristischer Freiheit«, die seit Adam Smith in der Ökonomie gepredigt wird. Dabei wird verdrängt, dass Adam Smith keine Beziehungen zu anderen Menschen pflegen konnte und nur zu seiner Mutter bis zu ihrem Tod engen Kontakt hielt. Niemand scheint sich die Frage zu stellen: Wie soll ein Denker, der mit anderen Menschen nicht in Beziehung treten kann, je sinnvolle ökonomische Regeln ersinnen, obwohl die Ökonomie spezifischer Ausdruck menschlicher Beziehungen ist? [6]

Tatsächlich steht die Idee der »absoluten Freiheit« in krassem Widerspruch zu Immanuel Kants formulierten Ideen und damit zu der von ihm intendierten »Aufklärung«. Die Betonung der »Freiheit des Willens« scheint vielmehr das Ergebnis der Interpretationen jener philosophischer wie ökonomischer Schulen zu sein, die das Ziel verfolgen, eine mit Leid verbundene Lebensweise zu stabilisieren.
Besonders die angelsächsischen Argumentationsversuche für eine »absolute Freiheit« sind im schlechtesten Sinne positivistisch, da sie Leid mit dessen Erleben begründen, frei nach dem Zirkelschluss: „Der Mensch ist kriegerisch, weil er Kriege führt.“ Diese Denkweise mündet notwendigerweise in so sinnlose Aussagen wie der eines Wirtschaftspsychologen: „Das Gehirn hasst das Denken wie der Teufel das Weihwasser, weil nur die Emotionen bedeutsam sind.“[7] Die schädigenden Emotionen Habgier und Hass, Stolz und Neid führen in diesem Lebensmodus stets zum todbringenden Kampf.

Blicken wir stattdessen auf das Leben mit einer Haltung, die inspiriert ist vom »heilsamen Mitgefühl« für andere Wesen, finden wir in den Originalschriften westlicher Philosophen und Philosophinnen viele Ähnlichkeiten mit buddhistischen Weisheiten. John Stuart Mill beispielsweise gründete seine »Morallehre« auf der These, dass

„die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks
Grundlage jeder Moral [sein müsse],
wobei Handlungen insoweit moralisch richtig sind,
als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern.“[8]

Immerhin brachte der aus einer »upper class« stammende John Stuart Mill das Kunststück fertig, den „Eigennutz“ mit den Interessen des „Gemeinwohls“ zu verknüpfen:

„Die Stärkung der Gemeinschaftsbindung und
die Entwicklung des gesellschaftlichen Verkehrs bewirken,
dass der Einzelne ein stärkeres Eigeninteresse daran hat,
das Wohlergehen der anderen in seiner Lebensführung zu berücksichtigen.“[9]

Diese sinnvolle Lebenshaltung ist jedoch im Getümmel des »ökonomischen Liberalismus« um die maximalen Gewinne einiger Weniger untergegangen. Sie wurde mit dem patriarchalen Slogan: „Geht es Unternehmenden gut, wird es den Arbeitenden nicht mangeln“ sogar in ihr Gegenteil verkehrt.

Der Anachronismus der liberalen Wirtschaftsstruktur spiegelt sich drastisch in der Überschuldung der US-amerikanische Regierung: Viele Unternehmen und Reiche zahlen seit Jahrzehnten kaum noch Steuern in den USA. Fast alle Abgeordneten und Senatoren haben sich gegenüber Verbänden verpflichtet, keiner Steuererhöhung zuzustimmen, weil das angeblich die Gesellschaft beflügelt, sodass ihnen Finanzmittel für ihre Wahlkreise sicher sind. Stattdessen kaufte das Pentagon Waffen und unzählige Wirtschaftskriege um Öl und andere Rohstoffe wurden geführt. Unternehmen erlangten dadurch zusätzliche Gewinne einfuhren, weil jede abgeschossene Cruisemissile Millionen Dollar Umsätze generiert. Doch mehr Ausgaben für Kriege und weniger Steuereinnahmen führt zwangsläufig zu einer Verschuldung.

Folglich sind die USA nicht in der Lage, beispielsweise ihre Mitgliedsbeiträge an die UNO (United Nation Organisation) zu zahlen. So fehlt der UN-Flüchtlingshilfeorganisation (UNHCR) Geld, um Vertriebene in den Flüchtlingslagern im Libanon und Jordanien zu ernähren, weshalb diese dann nach Europa flüchten. Würden alle US-amerikanischen Unternehmen einfach nur ihre Steuerpflicht erfüllen und ihre Milliarden Gewinne nicht in Steueroasen bunkern, hätte die US-Regierung fast ein doppeltes Budget zur Verfügung, wodurch Leid in großem Umfang vermieden werden könnte.

Denken wir über die absurde Wirklichkeit intensiv nach, wird an unzähligen Beispiel sichtbar, dass John Stuart Mills Verständnis von

„Glück als Freude (engl.: pleasures)
und Freisein von Schmerz (engl.: pain)“

philosophisch wie praktisch unzulänglich ist, um eine für alle Menschen lebenswürdige Gesellschaft zu gestalten. Die Idee, »Glück als Bedürfnisbefriedigung und Eigennutz« für den individuellen Erfolg zu definieren, ist ungeeignet für eine humane Gesellschaft, weil mit dieser Lebenshaltung nur Rauschzustände befriedigt werden können, die lediglich Minuten dauern. Mit der Idee von »Glück gleich Freude« entsteht erst jenes Rennen und Streben nach diesem oder jenem Ziel, wodurch wir das Gefühl bekommen, in einem Hamsterrad leben zu müssen.
Die Sinnlosigkeit dieser Lebenshaltung hatte Immanuel Kant ein Jahrhundert vor John Stuart Mill erläutert:

„Es ist ein Unglück,
dass der Begriff Glückseligkeit ein so unbestimmter ist,
obgleich jeder Mensch diese zu erlangen wünscht,
da er doch niemals bestimmt sagen kann,
was er eigentlich wünsche oder wolle.“[10]

Unser heutiges Streben, Glück mit Erfolg, Wohlstand, sexuellen Erlebnissen oder irgendeinem Konsum gleichzusetzen, ist eine hedonistische Sackgasse, die zur Erschöpfung führt. Erlebt werden nur kurzzeitige Delirien, auf denen bekanntlich stets eine Ernüchterung folgt. Deshalb ist es wichtig, intensiv zu erkunden, was »Glück« - von dem auch der Dalai-Lama spricht - tatsächlich bedeutet; ein weiteres Motiv zum Schreiben dieses Buches.

 

[1] Michel Foucault, Die Ordung des Diskurses, S. 19
[2] Ernst Bloch im Gespräch mit Adelbert Reif, in: Carola Bloch, Denken heißt Überschreiten, S. 23
[3] Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, Teil 2: Das Wollen, S. 259
[4] John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S.31
[5] Marc Brost, Sie nennen es Sterbehaus, Innenansichten zur Deutschen Bank, in: DIE ZEIT,
[6] Kurzbiographie über Adam Smith in: Felix Rohrbeck, Die unsichtbare Hand, DIE ZEIT, Nr. 19, 7.5.2015, S. 21
[7] Wirtschaftsnachrichten der IHK Mittlerer Niederrhein, S. 25, Juni 2015
[8] John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S. 25
[9] John Stuart Mill, Der Utilitarismus, S. 97
[10] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 4

 

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