Friedensplan für Syrien - eine realisierbare Utopie

Friedensplan für Syrien - eine realisierbare Utopie (Foto: Care Deutschland unter www.care.de)

von Hans Korfmacher

Die fast täglich auf uns einströmenden Bilder über das Leiden von Millionen Menschen in Syrien und dem Irak, verursacht durch den Terrors des Assad-Clans, den grauenhaften Morden der IS-Terroristen und jetzt auch noch durch die Bombardements der türkischen Armee im Norden der beiden Staaten, sind für uns kaum zu ertragen, schreien förmlich nach utopisch anmutenden Wegen, um endlich Frieden zu errreichen. Um dafür die nötigen Grenzen durch Denken überschreiten zu können, will dieser Beitrag Anregung leisten - in der Hoffnung, dass die Utopie des Friedens im Nahen Osten eines Tages auch die verantwortlichen Politiker und Politikerinnen erreichen wird.

Manche Philosophen und Philosophinnen nutzen moralische Dilemmata als Begründungen für ihre Kritik an einer »altruistischen Lebenshaltung« und damit an einer universellen Moral, die das Wohl möglichst aller Menschen zum Ziele hat. Sie schimpfen beispielsweise gegen Immanuel Kants »kategorischen Imperativ«, der genauso falsch oder mindestens so unzureichend sei wie die christlichen »Zehn Gebote« oder die buddhistischen Regeln zur »Vermeidung der zehn schädigenden Handlungen«. 

Um jedoch zur Orientierung im praktischen Leben nicht erneut ein göttliches Wesen postulieren zu müssen, greifen diese Kritiker und Kritikerinnen nach der philosophischen Krücke der Nützlichkeit: Eine Gesellschaft müsse den Nutzen jeder Handlung abwägen und bewerten, um fair entscheiden zu können, wie viele Menschen unter einer bestimmten Handlung leiden werden - schließlich würde jede Handlung Leid für irgendjemanden erzeugen.

Nach dieser Theorie sind vor allem solche Entscheidungen als gut zu bewerten, durch die alle Seiten profitieren – sogenannte »win-win-Situationen« - weshalb diese Land auf, Land ab gepredigt werden mit Sätzen wie: „Europa muss sich wieder lohnen." Im Zweifelsfall, so ihre Anhänger und Anhängerinnen, müsse beispielsweise die Frage nach dem Abschuss eines durch Terroristen entführten Passagierflugzeugs, das auf eine Atomanlage zusteuert, fraglos bejaht werden, damit „nur" Passagiere sterben und viele Tausend oder gar Millionen Menschen beschützt werden können.

Auf den ersten Blick erscheint diese Denkweise plausibel und wir könnten sogar vermuten, dass Buddha, Jesus Christus, der Prophet Mohamed oder Immanuel Kant dem zugestimmt hätten, kann doch eine größere Anzahl Menschen durch den Tod weniger beschützt werden. Die zugehörige Denkschule nennt sich »Utilitarismus«, die Lehre, die im Nützlichen die Grundlage des sittlichen Verhaltens sieht und ideale Werte nur dann anerkennt, sofern sie Einzelnen oder einer Gemeinschaft nützen. Sowohl die Anzahl als auch die Bedeutung potenziell geschädigter und beschützter Menschen wird in der »utilitaristischen Denkschule« als praktischer Maßstab zur Bewertung einer Handlung herangezogen, weshalb der US-amerikanische Präsident stets höher bewertet wird als jeder andere Mensch auf Erden - vielleicht mit Ausnahme des Papstes.

Bei genauerer Überlegung keimt jedoch Zweifel: Die These von der Nützlichkeit impliziert, dass es besser sei, wenige zu töten, um eine größere Anzahl von Menschen zu schützen. Dem kritischen Geist kommt schnell die Frage in den Sinn: „Wer kann die vollständige Zukunft schon voraussehen und hundertprozentig ausschließen, dass im Laufe eines Fluges nicht doch noch Umstände eintreten werden, wodurch Passagiere eines entführten Flugzeugs gerettet werden könnten?" Sich die Entscheidung eines Abschusses mit gutem Gewissen anzumaßen, kommt fast der Vergöttlichung der eigenen Person gleich. Deshalb stellt sich intuitiv die Frage: „Ist das Motiv derjenigen, die eine solche Entscheidung treffen wollen, vielleicht davon getrieben, sich wie Gott zu fühlen?" In den USA steht dieses Recht jedenfalls nur dem Präsidenten zu, was die strukturelle Überhöhung des Amtes unterstreicht.

Nur wenn ohne Zweifel feststünde, dass Millionen Menschen durch den Tod einer kleineren Gruppe von Menschen vor Leid und Tod geschützt werden könnten, wäre ein Abschuss einer Passagiermaschine, die auf eine Atomanlage zusteuert, einer Notwehrsituation gleichzusetzen. Doch selbst dann ist dies nur schwer zu rechtfertigen, weil es impliziert, dass das Leben der durch den Abschuss Getöteten nicht mehr als gleichwertig betrachtet wird: Noch lebende Passagiere, die das gleiche Lebensrecht wie wir alle besitzen, werden aufgegeben, obwohl wir sie doch zu beschützen haben.

Die eigentlichen Ursachen für solche Dilemmata entstehen weit vor jener Situation, die eine Entscheidung zum Abschuss eines Flugzeuges erzwingen mag: Das Erbauen von Atomanlagen jeglicher Art, das den Abschuss einer Passagiermaschine potenziell erforderlich macht, kann moralisch niemals Rechtfertigung finden - egal wieviel Energie damit produziert und wieviel Geld damit verdient werden kann. Denn jede Atomtechnologie – ob zur Produktion von Energie und Wärme oder zur Beseitigung von Atomabfällen – erzeugt schon beim kleinsten Fehler menschlicher Systeme oder wie in Fukushima, Japan, durch ein Erdbeben enormen Schaden und kaum zu ertragendes Leid.

Bei jeder Entscheidung – sei es hinsichtlich einer Technologie, eines Produktes, eines Unternehmens, eines Gesetzes – die stets potenzielle Beziehungen zu Menschen bestimmt, müssen wir die langfristigen Folgen abschätzen und solche vermeiden, die den Tod oder andere schwerwiegende Schädigungen verursachen. Technologien, die beispielsweise das Risiko massenhaften Sterbens bei fehlerhafter Bedienung oder bösartigen Angriffen bergen, sind aus moralischen Gründen grundsätzlich für den menschlichen Nutzen ungeeignet und folglich abzulehnen.

Auf der Grundlage der Ideen des »Utilitarismus« fordern im Kontext aktueller Flüchtlingsströme nach Europa viele Ökonomen und Ökonominnen lautstark »win-win-Situationen«, frei nach dem Motto: „Wir geben dir Unterschlupf, wenn du für uns arbeitest." Manche Politiker und Politikerinnen folgen diesem Gedanken und glauben eine Lösung für das vermeintliche „Flüchtlingsproblem" in den Händen zu halten, wenn sie eine „legale Zuwanderung für Fachkräfte" einführen, deren Einreise sich nach einem Punktesystem bemäße.

Dabei verdrängen sie, dass sie die Not flüchtender Menschen erpresserisch missbrauchen würden: Denn drastisch formuliert steht hinter dem kanadischen Punktesystem für Flüchtlinge das folgenreiche Prinzip: „Du darfst überleben, wenn du für uns schuftest. Und wenn wir dich nicht mehr brauchen, schmeißen wir dich wieder raus." Dass dies der Wirklichkeit entspricht und kein theoretisches Argument ist, wird sichtbar an den aktuellen Bestrebungen der kanadischen Politik: Eingewanderte, die bislang in Kanada gearbeitet haben, sollen abgeschoben werden, weil die Wirtschaft nicht mehr wie erwartet floriert.

Was würde Immanuel Kant zur Flüchtlingsfrage sagen?

Wie verheerend die Wirkung des »Utilitarismus« für Menschen tatsächlich sein kann, zeigt sich aktuell im Mittelmeer. Mit Hilfe der utilitaristischen Denkweise versuchen europäische Politiker und Politikerinnen die Grenzen Europas für Menschen aus Kriegsgebieten abzuriegeln, obwohl sie die »Charta der europäischen Menschenrechte« verabschiedet und auf ihre Fahnen geschrieben haben. Schon fragen sich viele „Wie kann es sein, dass wir Menschen aus dem Irak oder Syrien, aus Somalia oder Nigeria, aus dem Sudan oder anderen Kriegsgebieten keinen bedingungslosen Schutz für ihr Leben bieten, obwohl wir die Würde des Menschen für unantastbar erklären? Soll dies das viel gerühmte menschenwürdige Europa sein?"

Stellt sich ein deutscher Außenminister gar ins Fernsehen und verkündet großzügig: „Wir nehmen weitere 600 Flüchtlinge aus Syrien auf!"[1] , wird die Hilflosigkeit und auch die Brutalität eines nur auf den Eigennutz ausgerichteten politischen Realismus sichtbar: Die Außenminister Europas töten  mit ihrem realpolitischen Lavieren wie einst in Srebrenica unwissend unzählige Menschen, da sie Kinder, Frauen und Männer aus Aleppo, Homs und vielen anderen Kriegsgebieten nicht mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln aus den Gefahrenzonen holen.

Im Sinne einer »universellen Moral«, so würde Immanuel Kant argumentieren, ist die europäische Flüchtlingspolitik unmoralisch und umfassend zu reformieren. Um dies zu verstehen, stellen wir uns vor, was er sagen würde, könnten wir ihn heute zur Lage am Mittelmeer befragen:

„Es ist Pflicht, das Leben zu erhalten.
Der moralische Wert einer Handlung kann
nicht anhand ihres Nutzen bewertet werden.

Daher ist eine Handlung nur dann als moralisch »richtig« anzusehen,
wenn ich die Menschheit sowohl in meiner Person
als auch in der Person eines jeden andern
jederzeit als Zweck, niemals bloß als Mittel ansehe.

Zur Bewertung der Flüchtlingssituation hilft daher nur die einfache Frage:
„Würde ich als jemand, der dem Tod in Syrien,
Irak oder anderen Ländern zu entfliehen sucht,
über Stacheldrahtzäume springen
oder in Schlauchbooten übers Mittelmeer fliehen?"

Die Antwort ist ein eindeutiges und lautes:
„Na klar!", weil ich mein Leben erhalten will,
weshalb Gesetze, die mich daran hindern, als unmoralisch zu betrachten sind.

Ein utilitaristisches Abwägen benutzt die Menschen als Mittel –
instrumentalisiert jedes Kind, jede Frau und jeden Mann, die leben wollen.
Erst indem ich das Leben jedes Menschen bedingungslos schütze,
achte ich die Menschheit sowohl in meiner Person,
als auch in jedem anderen Menschen.

Eine moralische Handlung folgt der Maxime,
dass ich genauso wie jeder andere mein Leben nicht verlieren will.
Niemand will in einem Krieg sterben!

Deshalb haben alle Betroffenen das moralische Recht,
sich nach Europa oder in andere Schutzräume zu flüchten."[2]

Immanuel Kant würde uns ermahnen, dass wir als Europäer und Europäerinnen die moralische Pflicht haben, alle Flüchtlinge aufzunehmen und zu versorgen, weil wir gleichwertige Wesen sind. Der Sinn des Lebens erteilt uns den Auftrag, die Würde eines jeden Menschen zu bewahren.

Millionen Kriegsflüchtlinge aus Syrien harren teilweise schon Jahre in Flüchtlingslagern aus Zelten und Baracken aus, ohne dass für sie eine Aussicht auf Besserung erkennbar wäre. Würde ich mit meiner Familie unter diesen Bedingungen leben, setzte ich alle Hebel in Bewegung, um dieser Hölle zu entfliehen. Ja, die Menschen in den Flüchtlingslagern haben ein universell begründbares moralisches Recht - sogar die moralische Pflicht ihren Kindern gegenüber - sich in Schutzräume wie Europa oder Nordamerika zu flüchten.

„Doch was können wir tun, angesichts der realen Krisen, die gerade im Nahen Osten und in weiten Teilen Afrikas toben? Sollen wir tatsächlich allen flüchtenden Menschen in Europa Schutz gewähren? Gefährden wir dadurch nicht die Stabilität unserer Länder mit einen eh schon fragilen sozialen inneren Frieden? Ist die Flüchtlingsfrage nicht tatsächlich ein großes Dilemma?" Diese Fragen beschäftigen uns Abend für Abend beim Anblick zahlloser Fernsehbilder oder beim Lesen gut recherchierter Berichte über die Kriege in den vielen Weltregionen, die offenbar im Gegensatz zu den Grundsätzen menschlichen Lebens stehen. Wir kommen nicht umhin, unsere Glaubwürdigkeit anhand konkreter Handlungen zu prüfen, denn Nichts-Tun oder das Verschweigen des Leids entspricht unterlassener Hilfeleistung, und wir müssen uns die Frage stellen: „Was bedeutet dies für eine konkrete, humanitäre Flüchtlingshilfe, die wir nur auf der Basis der Kant'schen Maxime »Gleichwertigkeit aller Menschen« moralisch angemessen organisieren können?"

Die syrische Tragödie

Der aus den Trümmern des Osmanischen Reichs Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Staat Syrien wird seit 1961 vom alawitischen Assad-Clan regiert. Seit 2010 tobt ein Bürgerkrieg in diesem einst schönen Land, das im 19. Jahrhundert für das friedliche Zusammenleben von Christen, Muslimen und Juden bekannt war. Heute ist dieser Frieden im Fassbombenterror des Regimes untergegangen, weshalb sich vier bis sechs Millionen Menschen auf der Flucht befinden. Zerrissen und zerstört wird das Land aber nicht nur von Assads Militär, sondern auch von der sunnitisch-irakischen IS-Terrororganisation, die vom sunnitisch-wahhabitischen Saudi-Arabien und den umliegenden Emiraten ebenso unterstützt wird wie von der sunnitisch geprägten türkischen Regierung, auch wenn alle dies zu verschleiern suchen.

Wir müssen realistischerweise anerkennen, dass dieser Bürgerkrieg noch Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte dauern wird, weil bislang die verschiedenen Kriegsparteien über genügend Geld für Waffenkäufe verfügen, und damit ein militärischer Sieg einer Partei unmöglich ist. Des Weiteren ist zu konstatieren, dass mehrere Gegensätze in dieser Region aufeinander prallen, wodurch ein politisch hochexplosives Gemisch sich teuflisch regeneriert [3]:

- Der Konflikt zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen scheint die Ursache der Kämpfe zu sein. Aber dies ist höchstens die halbe Wahrheit, da die beiden Religionsgruppen schon viele Jahrhunderte friedlich miteinander lebten und Islamgelehrte sich ab und an auf einer theologischen Ebene stritten, ohne sich gleich die Köpfe abzuhacken.

- Hinter dem oberflächlichen Schein eines Religionskrieges werden bei genauerem Hinsehen die Einflusssphären und Interessen verschiedener Ölscheichs und Patriarchen in Saudi-Arabien, den Emiraten, im Irak und Iran und auch in der Türkei sichtbar, die ihre feudale Herrschaft schwinden sehen und mit aller Gewalt verteidigen wollen; wie meist in der Geschichte auf Kosten des Lebens und der Würde vieler Menschen.

- Sichtbar wird nun ebenfalls, dass die aktuelle Diktatur in der Türkei mit einem größenwahnsinnigen Präsidenten mit aller Gewalt den Zerfall der Türkei zu verhindern sucht. Denn wenn die Menschen kurdischer Abstammung ihre Unabhängigkeit erreichen würden, schrumpfte das Land um etwa ein Drittel und hätte nicht mehr die Größe, die zu einer hegemonialen Herrschaft nötig wäre. Deshalb werden nun kurdische Siedlungen bombardiert und weiteres tausendfaches Leid erzeugt.

- Zudem stoßen die alten Interessen des Ost-West-Konflikts in diesem Teil der Welt aufeinander, wobei der Westen den Einfluss Russlands begrenzen und gleichzeitig seinen Zugang zu billigem Öl sichern will, während Russland die Region destabilisieren will, um den Weltmarktpreis für Öl hochzuhalten, was ihm wiederum eigene hohe Einnahmen sichert und dem Erzfeind USA schadet.

- Und dann sind da noch die lokalen Stämme, in denen Patriarchen ihrem ganz eigenen Narzissmus frönen und dafür ihre Untertanen wie schon seit Jahrhunderten ungerührt in Kriege schicken.

Als würden mehrere tektonische Platten aufeinander stoßen, entlädt sich eine tödliche Energie im Nahen und Mittleren Osten in einem Beben, das schlimmer ist als jedes reale Beben der Erde.

Leid erkennen

Stellen wir uns nun ein Kind von zwei oder drei Jahren vor, wie es leidet, weint, hungert oder friert, während es in einem der Zelte des UN-Flüchtlingsprogramm mit seinen Geschwistern kauert. In weiteren drei oder fünf Jahren wird es so traumatisiert sein, dass der junge, heranwachsende Mensch auf das erlittene Leid in späteren Jahren mit Gewalt reagieren wird - wodurch der noch junge Mensch weiteres Leid bewirken und sich die Spirale des Leids weiter drehen wird. Visualisieren wir intensiv ein solches Kleinkind vor dem inneren Auge, fühlen wir, dass wir als Menschheit generell, doch besonders als wohlhabende Europäer und Europäerinnen, die Kant'sche »moralische Pflicht« haben, alles in unserer Macht Stehende zu unternehmen, um den Menschen in der Region kurz- und mittelfristig zu helfen – denn andernfalls werden auch wir nicht mehr glücklich leben.

Utopien entwickeln

Für diese Hilfe brauchen wir Utopien und keine lavierenden Realpolitiker oder -politikerinnen. Vermutlich brauchen wir sogar so große Utopien, die zunächst unerfüllbar erscheinen. Denn Utopien werden dazu erdacht, um durch „Denken Grenzen zu überschreiten"[4] , sodass das wesentliche Ziel - »umfassendes Mitgefühl für alle Wesen« - verwirklicht und die »Würde eines jeden Menschen« weltweit Welt geachtet wird. Natürlich gibt es stets Einwände gegen Utopien, die wir aber nur im Sinne des Dalai Lama und seinem grenzenlosen Mitgefühl bedenken dürfen, um nicht wie zu viele Minister westlicher Regierungen in einem defätistischen Realismus unterzugehen. Jede Suche nach einer Utopie beginnt mit einer richtigen Fragestellung, die in diesem Fall einfach lautet:

„Was können wir als mitfühlende Menschen tun, um den Menschen in Nahen Osten zu helfen?"

Die erste Hilfe kann nur praktisch sein: Kinder, Frauen und Männer brauchen ein stabiles Dach über dem Kopf und nicht nur Wellblechhütten oder Zeltdörfer des UNHCR[5]. Deshalb ist eine gemeinsame Vereinbarung der europäischen Länder mit den Staaten, in denen die meisten Flüchtlinge leben – Jordanien, Libanon, Türkei und Irak – erforderlich, um den Bau von neuen Siedlungen zu ermöglichen. Da die Menschen nicht für Monate, sondern Jahre aus ihrer Heimat vertrieben sein werden, könnten mit einem marshallplanähnlichen Vorgehen neue Siedlungen gebaut werden, in denen ein würdiges Leben für alle Kinder und Erwachsene wieder möglich wird. Die Containerdörfer, die mit deutschen Finanzmitteln in der Ukraine für Flüchtlinge aus den dortigen Kriegsgebieten gebaut wurden, weisen hier die Richtung.

Die meisten der Millionen Flüchtenden aus Syrien waren bis vor wenigen Jahren in ihrer alten Heimat berufstätig und haben sich und ihre Familien ernährt. Diese Fähigkeiten können ihnen weiterhin helfen, wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben. Eine konkrete Aufgaben besteht daher darin, die Lebensenergie der Menschen in der Notlage zu aktivieren: Mit Geld für Baumaterialien, Maschinen und natürlich auch Lebensmitteln können wir die ersten wichtigen Maßnahmen unterstützen. Die Flüchtenden selbst könnten mit ihrem Wissen und ihren Händen Siedlungen erbauen helfen, wodurch die Kosten pro Wohneinheit deutlich sinken würden und eine viel größere Anzahl von Bedürftigen versorgt werden könnten. Die Flüchtenden schüfen sich zumindest für eine gewisse Zeit eine neue Heimat, in der ihre Kinder ohne Angst spielen, lernen und auch in Ruhe erwachsen werden dürfen.

So schnell als möglich sollten wir Experten und Expertinnen für Stadtplanung schicken, die neue Städte strukturieren helfen, damit menschenwürdige Orte entstehen - mit Straßen und einem Verkehrssystem, mit Wasser- und Energieversorgung sowie der schadlosen Entsorgung von Abwasser, Müll und anderem mehr. Landwirtschaft ist zu initiieren, damit die Menschen ihre Lebensmittel im guten Sinne selbst erwirtschaften können. Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser sind zu bauen, damit die Kinder lernen und auch wieder lachen können. Und natürlich ist in den Gastländern die Verwaltung mit unserer Hilfe zu modernisieren, denn das Verwalten ist eine bedeutsame Tätigkeit zum Schutz der Menschenrechte.

Mit solcher Hilfe Europas würden neue Städte und Gemeinschaften entstehen - und damit fast nebenbei in den aufnehmenden Ländern die Wirtschaft aufblühen: Denn wo Menschen produktiv miteinander leben, entsteht unmittelbar eine wachsende Wirtschaft. Befreien wir die Flüchtenden von unseren Almosen, werden sie keine Last mehr, sondern eine Bereicherung für jedes Gastland sein.

Menschen aus dem Elend holen

Wir treffen aber auch auf Menschen, die bereits so traumatisiert sind, dass sie die Region verlassen müssen, um überhaupt wieder angemessen leben zu können. Manche haben Verwandte, die bereits in Europa leben, sodass wir sie dorthin reisen lassen können. Deshalb sollten wir Menschen aus dieser Region ohne große Prüfungen in kürzester Zeit Asyl gewähren und sie nicht über Monate oder Jahre in europäischen Lagern einsperren, als hätten sie ein Verbrechen begangen. Anstatt diese Menschen in die Arme krimineller Schleuserbanden zu treiben[6], sollte Europa einen angemessenen Transport aus der Region in unseren Kontinent organisieren. Ob mit Bussen oder Bahnen, Schiffen oder Flugzeugen ist egal, wichtig ist, dass wir diese Menschen mit ihren Kindern aus dem Elend holen - was außerdem preiswerter wäre als jede Marineaktion zur Seenotrettung oder die geplanten militärischen Maßnahmen mit Drohnen und sonstigem teuren Gerät zur Bekämpfung von Schleuserbanden. Wir müssen endlich aufhören, Flüchtende zu kriminalisieren, die aus reiner Not mit Hilfe von Schleusern fliehen [7].

Helfen wie einst nach dem Zweiten Weltkrieg

Schon höre ich das Geheul angstschürender Medien, die das Ziel verfolgen, mit den Ängsten von Menschen die Auflagen ihrer Boulevardblätter und die Klickzahlen ihrer Webseiten hochzutreiben: „Das sind doch viel zu viele, die da kommen! Das können wir niemals stemmen!"

Erinnern wir uns jedoch in Ruhe daran, dass alleine das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Westdeutschland über zehn Millionen Flüchtlinge aufnahm, wird deutlich, wie unsinnig die Schlagzeile ist: „Das Boot ist voll!" Selbst wenn die gesamten sechs Millionen Menschen aus Syrien nach Europa ziehen würden - was nicht der Fall sein wird, da die meisten Familien in der Nähe ihrer Heimatregion bleiben wollen, um in ihre alten Dörfer so schnell wie möglich zurückkehren zu können - würden wir dies ohne weiteres verkraften. Es ist beschämend, wenn angsttreibende Medien im Gleichschritt mit menschenverachtenden Nationalisten in vielen Ländern Europas sich über ein paar hunderttausend Flüchtlinge beklagen, die nach Europa wollen, einem Kontinent mit 700 Millionen Einwohnenden. Es ist beschämend, weil gleichzeitig fünf Millionen Menschen in Kurdistan, eine Region im Norden des Irak, etwa 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen haben und den Menschen in ihrer Not helfen – und jetzt mit unserer Duldung von der diktatorischen Regierung in Ankara bombardiert werden. Für unsere eigene moralische Gesundheit wäre es wesentlich heilsamer, Flüchtende, wie einst 1945, nicht als eine zu organisierende Last, sondern als gleichwertige Menschen zu begreifen.

Alleine in Italien stehen über 6000 Dörfer leer, in Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien und anderen Staaten der EU werden es ähnlich viele sein. Ehemalige Kasernen der Besatzungsmächte in Deutschland und in vielen anderen Ländern stehen zum Glück leer, weil wir in Europa keine Kriege mehr führen. In diese Häuser können sofort syrisch-stämmige Gemeinschaften einziehen, wodurch Kasernen vom Makel des Todes gereinigt würden. Nähme die Europäische Union mit seinen knapp 500 Millionen Einwohnenden sogar alle sechs Millionen Flüchtlinge auf, wären sie für unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft nicht nur verkraftbar, sondern eine menschliche, kulturelle wie auch wirtschaftliche Bereicherung: Menschlich, denn wir würden neue Freunde gewinnen; kulturell, weil wir von einander lernen können; und es würde eine neue Wirtschaftskraft entstehen, wodurch die befürchtete Überalterung Europas aufgrund des Bevölkerungsrückgangs gestoppt würde und das viel gerühmte Bruttosozialprodukt wieder wüchse.

Auch wenn die politisch Verantwortlichen in Europa dies öffentlich lauthals verschweigen, die Erfahrungen aus den USA lehren uns: Zuwanderung ist zu einem wesentlichen Motor der US-amerikanischen Wirtschaft geworden. Die dort jährlich einströmenden geschätzten 400.000 Menschen aus Lateinamerika bringen täglich neue Lebensenergien, neue Ideen, neue Dienstleistungen und damit neue Wirtschaftsimpuls hervor – denn alle diese Menschen produzieren und konsumieren. Je mehr wir miteinander kooperieren, desto erfolgreicher und glücklicher können wir leben. Deshalb sind Asylunterkünfte, in denen Flüchtende oftmals ein Jahr oder länger auf ihre Anerkennung warten, unsinnig und kontraproduktiv.

Mit einer selbstlosen Hilfe für Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen und Mittleren Osten würden wir wechselseitig profitieren – um das grundsätzlich falsche Argument der »win-win-Situationen« hier zu bemühen. Europas Wirtschaft würde gestärkt, weil die Bevölkerungszahl wieder wüchse.

Entmilitarisierung des Nahen Ostens

Die dritte Säule einer Utopie zum Schutz des Lebens der Menschen aus Syrien oder dem Irak wäre, jede Waffenlieferung in die Region zu unterbinden. Je mehr Waffen in eine Region gelangen, desto mehr Menschen werden sterben, weil Waffen ausschließlich zum Töten erdacht und hergestellt werden.

Ein solches Waffenembargo sollte mit der Zeit so global wie möglich werden: Verpflichteten sich zunächst alle europäischen Länder dazu, egal ob ihre Rüstungsunternehmen bereits Lieferverträge unterschrieben haben, könnten sukzessive die amerikanischen, russischen, chinesischen und indischen Regierungen ins Boot geholt werden, sodass die wichtigsten Waffenproduzenten der Welt einbezpgen wären. Der Strom an Waffen in die Türkei, nach Syrien, in den Irak, den Iran, nach Saudi-Arabien, in den Jemen und den Emiraten würde endlich versiegen. Die Menschen zwischen Euphrat und Tigris könnten wieder aufatmen und die klare Luft des Friedens nach verflogenem Pulvergestank genießen.

Damit würde auch das Morden der IS-Terroristen enden. Junge Menschen aus Europa würden nicht mehr gen Osten in den Wahnsinn ziehen. Wir alle würden freier leben, weil es keine Rechtfertigung mehr für einen Überwachungsstaat und Geheimdienste gäbe; Telefon- und Internetkontrollen durch NSA, BND und andere Dienste würden enden, Nutzerprofile, die das Verhalten vieler Millionen Menschen beschreiben, würden endlich verboten. Das informationelle Freiheitsrecht jedes Menschen wäre wieder hergestellt.

Wirtschaftssanktionen zum Schutz der Menschenwürde

Ein Waffenembargo wird auch die Finanzströme berühren, die viele für entscheidend halten. Wir – die G7-Staaten und die EU - sollten Regierungen, Banken und Konzernen, die in der Region Wirtschaft treiben, klar und deutlich sagen, dass jede Finanzierung des IS-Terrors oder des Assad-Clans zu einem Ausschluss aus der Welthandelsgemeinschaft führen wird. Wir können keine Geschäfte dulden mit Unternehmen oder Staaten, die die Menschenwürde mit Füßen treten. Ganz im Sinne der Wirtschaftssanktionen, die der südafrikanische ANC in den 1980er Jahren vom Westen gefordert hatte, obwohl Nelson Mandela und andere des ANC wussten, dass darunter auch die schwarze Bevölkerung leiden würde, sind Wirtschaftssanktionen zum Schutz der Menschenwürde ein sinnvolles Instrument.

Selbst wenn wir dadurch weniger fossile Brennstoffe verbrennen könnten, was unsere Bemühungen zum Ausbau alternativer Energiequellen nur beflügeln würde, muss uns der Schutz eines jeden Menschen dies wert sein. Insofern kann die Utopie einer gewaltfreien Welt sogar die von den G7-Staaten im Juni 2015 vereinbarte „Dekarbonisierung" der globalen Wirtschaft - das Ende der Nutzung fossiler Brennstoffe bis zum nächsten Jahrhundert und die Halbierung der Kohlendioxid-Emissionen als Zwischenziel bis 2050 – beschleunigen, was einmal eine wirklich gute Nebenwirkung politischer Entscheidungen wäre.

Solange wir den beteiligten Gruppen und Staaten im Nahen und Mittleren Osten aus opportunistischen Gründen - wie dem Kauf von Öl und dem Verkauf von Waffen - gestatten, Gewalt gegen Menschen auszuüben, wird diese Gewalt uns auch in Europa treffen. Dann werden wir Terror und andere Kriegsformen auf unseren Straßen, im öffentlichen Verkehr, in Schulen und Betrieben erleben und nicht mehr wissen, wie wir uns davor schützen können. Dies wieder einzudämmen, wird ein wesentlich aufwendigeres Unterfangen werden als jede umfassende Unterstützung für Flüchtende heute. Libyen ist ein schmerzhaftes Beispiel dafür, dass eine demokratische Gesellschaft, die die »Würde eines jeden Menschen« achten möge, nicht mit ein paar westlichen Bomben oder Raketen etabliert werden kann. Im Gegenteil: Jede Bombe, jede Rakete, jedes Gewehr in dieser Region ist mit Sicherheit eine zu viel. Die Entmilitarisierung einer Region ist ein wesentliches Mittel zur Etablierung stabilen Friedens.

Pflicht zum Schutz des Lebens

Die langfristig wichtigste Säule für die Verwirklichung der »Würde eines jeden Menschen« im Nahen und Mittleren Osten ist die Errichtung demokratischer und menschenwürdiger Staaten. Dass ein paar Wahlen, scheinbar demokratisch abgehalten alleine dafür nicht ausreichend sind, mussten wir anhand des arabischen Frühlings 2011 bereits lernen. Dieser Frühling endete abrupt, weil die »Würde eines jeden Menschen« von den agierenden Interessensgruppen missachtet wurde.

Die Umkehrung dieser Aufstände mit Hilfe des ägyptischen Militärs hat dem Land nur eine scheinbare Verschnaufpause in der Auseinandersetzung mit radikalen Islamisten gebracht. Eine Lösung ist in Ägypten noch lange nicht in Sicht, weil ein neuer Diktator mit alten Methoden am Werke ist und das Militärregime erneut die »Würde eines jeden Menschen« mit Füßen tritt, anstatt den Dialog der Menschen voranzutreiben.

Eine nachhaltig friedliche Zukunft der Region kann nur auf der Basis der Kant'schen Maxime »umfassendes Mitgefühl und die Gleichwertigkeit aller« gelingen, weshalb erst dann Frieden in diesen Ländern einkehrt, wenn sich diese Maxime in den Regierungsformen und den Verfassungen widerspiegeln: Diese aber können nur mit einem Satz sinnhaft beginnen:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar."

Wir, die Europäer und Europäerinnen, brauchen zur Verwirklichung dieser Utopie nichts Außergewöhnliches neu zu erfinden, weil wir alles Notwendige längst als Erfahrung bereits kennen. Wir brauchen den Mitmenschen in dieser Region nur zu vermitteln, dass demokratische Gesellschaften das Leben und die Würde eines jeden Menschen schützen und mehr sind als nur ein paar Wahlen. Wir brauchen nur den utopisch anmutenden Schritt machen, einen Friedensplan gegen die Interessen alter Ölscheichs und Patriarchen durchzusetzen - denn nur weil wir die realpolitische Angst haben, uns würde bald der Ölhahn zugedreht, dürfen wir die „Pflicht zum Schutz des Lebens" nicht aufgeben.

Denkend Grenzen überschreiten

„Aber wenn wir Millionen islamischer Menschen nach Europa holen, werden wir doch selbst bedroht", rufen empört radikale Verfechter eines christlich-europäischen Abendlandes, ohne zu wissen, worüber sie reden. Die etwas Gemäßigteren lassen uns wissen: „Wir mögen zwar mit moralisch richtigen, humanen und auch demokratischen Mitteln diese Menschen aus der Not befreien, aber werden sie deshalb ihre menschenverachtende Lebensweise wie beispielsweise die Unterdrückung der Frau beenden? Kann es überhaupt eine Lösung für das Dilemma einer freiheitlichen Gesellschaft im Umgang mit totalitärem Gedankengut geben? Stehen unsere christlichen Werte der Nächstenliebe nicht höher als die des Islam?" Diese Fragen berühren unsere »Toleranz« gegenüber anderen Kulturen oder Religionen, die wir als hohes Gut in unserem Wertekanon verinnerlicht haben: Wir empfinden Stolz auf unsere »Toleranz« und auf die damit verbundenen multikulturellen Fähigkeiten.

Philosophen und Philosophinnen beschäftigen sich seit dem Scheitern der Kreuzzüge im Mittelalter mit den Möglichkeiten und Grenzen der Toleranz, weil schon damals offenbar wurde, dass Menschen aus unterschiedlichen Religionen und Kulturen zusammenleben müssen, wollen wir die Menschheit nicht durch Kriege vernichten. Zu oft hatten christliche Fanatiker zuvor die urchristliche Nächstenliebe mit Füßen getreten, andersgläubige Menschen gefoltert, gevierteilt oder verbrannt, Länder mit Kriegen überzogen, bis Europa nach dem 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) in vielen Landstrichen fast entvölkert war.

Francois Voltaire (1694 – 1778) und andere haben darauf verwiesen, dass Toleranz ihre Grenze in der Intoleranz finden würde und mörderischer Fanatismus – ob religiös oder säkular motiviert - nicht toleriert werden könne. Es ist also kein neues Thema, worüber wir nachzudenken haben, weil die Menschen zu allen Zeiten mit ähnlichen Problemen konfrontiert waren.

Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski (1927 – 2009) wies vor einigen Jahren darauf hin, dass bei diesen Fragen vielleicht eine grundsätzliche Ratlosigkeit entstehen könnte: »Toleranz« gegenüber einer fremden Kultur würde zum Problem, wenn diese Kultur selbst intolerant wäre. »Absolute Toleranz« müsse den Respekt vor der Intoleranz einschließen. Würde aber dieser Respekt gewährt, gäbe es keinen Grund mehr, der eigenen Kultur das Recht auf Intoleranz zu verweigern. Es scheint, als hätte Leszek Kolakowski mit seiner Analyse den Nagel auf den historischen Kopf getroffen und wir könnten annehmen, wir säßen in einer „Sackgasse der Toleranz."[8]

Das aber ist nur der Fall, wenn wir »Toleranz« als ein höchstes, absolutes und unabhängiges Gut verstehen, als ob es aus sich selbst existieren würde - genauso wie manche fälschlicherweise daran glauben, Demokratie oder Freiheit würden »absolute« Werte darstellen. Wenden wir in dieser Zwickmühle sitzend stattdessen die freudige Weisheit Buddhas von der »Unmöglichkeit jeglicher Absolutheit« an, jenem »Leer-sein aller Phänomene von inhärenter Existenz«, wird uns bewusst, dass »Toleranz« eine Ausdrucksweise jenes »umfassenden Mitgefühls« ist, mit dem wir die Kant'sche „Pflicht zum Schutz des Lebens" leben können. Dies aber erfordert, dass wir Grenzen denkend überschreiten.

Zum Wohle aller Menschen handeln

»Umfassendes Mitgefühl« ist ein Handeln, das die Verantwortung für die »Freiheit aller Wesen vom Leid« trägt – ob ideell durch Wunschgebete oder durch konkretes Handeln. Alleine der Wunsch, dass alle Wesen frei von Leid leben mögen, versetzt bereits Berge, die uns in der Regel für ein glückliches Leben im Wege stehen – sind wir doch zu oft auf das eigene ICH bedacht.

Überwinden wir die Selbstbezogenheit, steht schlagartig nicht mehr im Mittelpunkt, ob ich etwas tolerieren soll oder nicht, was nur eine ICH-bezogene Denkweise ist. Ins Zentrum des Denkens und Fühlens gelangt plötzlich die „moralische Pflicht", das Leben und die Würde anderer zu bewahren.

Wird im realen Leben beispielsweise eine Frau von ihrem Ehemann misshandelt, kann die Kultur- oder Religionszugehörigkeit der Familie oder Sippe keine Rolle in der Bewertung der Gewalttat spielen. Vielmehr kann jede und jeder Beobachtende die konkrete Verantwortung übernehmen, den Gewalttäter an seiner Tat zu hindern – entweder durch persönlichen Einsatz oder mit einem Anruf bei der Polizei. Eine kulturelle, religiöse oder sonstige Begründung für die Beschädigung der Menschwürde – ob die eines Kindes, einer Frau oder eines Mannes - ist aus universellen Gründen, wie Immanuel Kant nachwies, weder individuell noch religiös, gesellschaftlich oder global möglich.

Die Lebenshaltung, die „Würde des Menschen" in jeder Lebenslage zu schützen, erfordert von uns allen, Schaden von anderen fernzuhalten – weshalb Kriege mit dem Ziel, Frieden zu stiften, nur ein „fucking for virginity" sind[9]: Gewalt kann mit Gewalt nicht beseitigt werden. Hass kann mit Hass nicht bekämpft werden. Kein Krieg der letzten Jahrzehnte – ob in Vietnam, dem Kosovo, Afghanistan oder dem Irak – war und ist mit „freiheitlich-demokratischen Prinzipien" und der grundgesetzmäßigen „Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen" vereinbar gewesen – was den Westen solange unglaubwürdig erscheinen lässt, bis wir umfassend abrüsten, anstatt wie die erste potenzielle Kriegsministerin Deutschlands neue Panzer, Hubschrauber oder Gewehre zu bestellen.

Deshalb betont der Dalai Lama in seinem Friedensappell im März 2015 an alle Regierungen der Welt:

„Die Vorstellung, Probleme seien mit Gewalt und Waffen lösbar, ist ein verheerender Irrglaube.
Außer in sehr seltenen Ausnahmefällen erzeugt Gewalt stets neue Gewalt.
Krieg ist in unserer vernetzten Welt nicht angemessen, widerspricht jeder Vernunft und Ethik.

Der Irak-Krieg, den George W. Bush 2003 begonnen hatte, löste eine Katastrophe aus;
der damit verbundene Konflikt ist bis heute nicht gelöst und tötet immer noch viele Menschen."[10]

„Doch was sollen wir tun, wenn ein gewalttätiger Mensch oder ein solcher Staat Menschen bedroht oder Kriege anzettelt?" Im realen einfachen Leben läuft dies auf eine große Geduldsübung hinaus: Statt bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung selbst zur Waffe zu greifen, besteht die Aufgabe darin, beispielsweise einem sich patriarchisch verhaltenden Mann den Stock gezielt aus der Hand zunehmen, ohne ihn durch eigene Schläge zu verletzen. Denn würde ich Gewalt anwenden, um Gewalt zu verhindern, handelte ich wie jene, die Guantanamo als Notwehr bezeichnen.

Das überhöhte ICH überwinden

Falle ich jedoch der üblichen Selbstüberhöhung anheim - halte ich mich für besser, intelligenter, höherwertiger als andere, glaube ich mich ständig im Recht und meine, dass ich dieses Recht mit subtiler oder offener Gewalt durchsetzen müsse - dann entstehen kaum überwindbare Konflikte, die am Ende zu Kriegen führen. Der Dalai Lama erklärt uns:

„Die Hauptursachen für Kriege und Gewalt sind die negativen Emotionen in unserem Geist.
Diesen geben wir täglich zu viel Raum - und unserem Verstand und unserem Mitgefühl dafür zu wenig.
Ich schlage Ihnen daher vor: Mehr zuzuhören, mehr nachzudenken, mehr zu meditieren."[11]

Jede Überhöhung des ICHs führt in unlösbare Konflikte. Das können wir aus Stefan Zweigs selbstkritischen Worten über seine Gefühle anlässlich des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs lernen:
„Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muss ich bekennen, dass in diesem ersten Aufbruch der Massen [zur Kriegsmobilisierung im Juli 1914] etwas Großartiges, Hinreißendes und sogar Verführerisches lag, dem man sich nur schwer entziehen konnte. Trotz allen Abscheus gegen den Krieg, den ich tief empfinde, möchte ich die Erinnerungen an diese ersten Tage nicht missen: Wie nie fühlten Tausende und Hunderttausende Menschen, was sie besser im Frieden hätten fühlen sollen: dass sie zusammengehören. Alle Unterschiede der Stände, der Sprachen, der Klassen, der Religionen waren überflutet von dem strömenden Gefühl der Brüderlichkeit. Fremde sprachen sich auf der Straße an, Menschen, die sich jahrelang auswichen, schüttelten einander die Hände, überall sah man belebte Gesichter. Jeder Einzelne erlebte eine Steigerung seines ICH, war nicht mehr der isolierte Mensch, er war Volk, und seine Person, seine sonst unbeachtete Person hatte einen Sinn bekommen. Der kleine Postbeamte, der sonst von früh bis spät Briefe sortierte, immer wieder sortierte, der Schreiber, der Schuster hatten plötzlich eine andere, eine romantische Möglichkeit in ihrem Leben bekommen: Sie konnten Held werden, und jeden, der eine Uniform trug, feierten schon die Frauen, grüßten ehrfürchtig die Zurückbleibenden im Voraus mit diesem romantischen Namen."[12]

Die Übersteigerung des ICHs ist die wesentliche Ursache für Kriege aller Art. Deshalb fühlen Soldaten, die auf dem Roten oder anderen Plätzen marschieren, enormen Stolz, fühlen das Glück einer überhöhten Masse des Volkes, weil sie glauben, endlich einem grauen, eintönigen Leben entfliehen zu können. Endlich jemand zu sein, der von Bedeutung ist, ein Held, als Teil eines erträumten unbesiegbaren Volkes zu leben, das ist die große Illusion jedes übersteigerten, narzisstischen ICH, jener Massenhysterie, der wir alle seit Jahrtausenden allzu leicht verfallen, wie Stefan Zweig dies auch in seinem 1915 geschriebenen Drama Jeremias auf den Punkt brachte. Um diesem Wahn zu entkommen, müssen wir denkend Grenzen überwinden und die »Freiheit des Entsagens« praktizieren. Der Dalai Lama ruft uns zu:

„Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen."

Die Wirkungen narzisstischer Überhöhungen hat auch Leszek Kolakowski pointiert erfasst, als er schrieb: „Die Selbstvergötterung des Menschen endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit."[13]

Dass dies für jede ideologische Überhöhung, ob liberal-kapitalistisch, marxistisch-sozialistisch, religiös, kulturell oder anderweitig begründet, Geltung hat, wird ohne Zweifel sichtbar, sobald wir die Geschichte der Menschen untersuchen. Mit klarem Geist erkennen wir, dass das Befolgen von alten oder die Durchsetzung von neuen Konventionen, die nicht einmal vereinbart wurden, kein Weg für ein Streben nach Glück sein können. Der Dalai Lama empfiehlt daher:

„Wir benötigen positive, heilsame Geisteszustände, die in der Meditation eingeübt werden können.
Ich übe das vier Stunden jeden Tag.
Solche Meditationen sind wichtiger als ritualisierte Gebete.
Schon Kinder können dadurch Ethik lernen.
Das ist hilfreicher als alle Religionen."[13]

Gewaltfreiheit praktizieren!

„Aber ist die Idee, gewaltfrei leben zu wollen, nicht eine große Illusion angesichts einer Welt voller Gewalt? Zeigt nicht gerade die Ukrainekrise, dass wir uns wieder bewaffnen müssen?" Denken wir über die enorme Macht gewaltfreien Handelns nach, lernen wir mit Blick auf die Nato-Russland-Krise: Je weniger Waffen die Nato zur Verfügung hat, desto weniger werden die Menschen in Russland dem Märchen von der westlichen Aggression, das die Propaganda Putins dort schürt, Glauben schenken. Je mehr wir auf einen vermeintlichen Feind mit offenen Armen zugehen, desto mehr wird dieser Feind seine Waffen ebenfalls niederlegen.

Der Mensch ist nicht kriegerisch, weil er Kriege führt, sondern weil das übersteigerte ICH in einer Herrschaftsstruktur sich übersteigern will und die Massen mit dem Bild eines »Feindes« betört und verwirrt werden, bis die Menschen wie besoffen im Rausch an die Front ziehen und laut rufen: „Weihnachten (1914) sind wir wieder zu Hause!"

„Ich werde immer an der Gewaltfreiheit festhalten - ob in der Tibet-Frage oder in anderen Konflikten. Das ist intelligente Feindesliebe. 
Durch intensives Meditieren können wir lernen, dass Feinde unsere besten Freunde und Freundinnen,unsere besten Lehrerinnen und Lehrer sind.Aus der Perspektive einer säkularen Ethik werden wir durch Feindesliebe zu gelasseneren,mitfühlenderen und urteilsfähigeren Menschen."[14]

 Ein ständiges Ringen mit sich selbst und anderen ist erforderlich, um »umfassendes Mitgefühl« nicht nur als Lippenbekenntnis zu leben. Glaubwürdigkeit kann nur aus alltäglichem Handeln entstehen, weshalb es beispielsweise wichtig ist, richtig Streiten zu lernen: Je mehr ich in der Lage bin, meine Gedanken und Ideen anderen gegenüber so vorzutragen, dass diese nicht verletzen, überhöhen oder abwerten, lernen wir gemeinsam zu argumentieren und unsere Gefühle wechselseitig respektvoll wahrzunehmen. Die Voraussetzung für eine solche tiefgreifende Gewaltfreiheit in jedem Satz, jedem Blick und jeder Handlung ist die vollständige Verinnerlichung der »Gleichwertigkeit« des Gegenüber, verbunden mit dem Wunsch, die »Würde eines jeden Menschen« zu beschützen.

Stellen wir »umfassendes Mitgefühl« in den Mittelpunkt unseres Denkens, Fühlens und Handelns, lösen sich die scheinbar unzähligen moralischen Dilemmata der verschiedenen Regeln und Gebote langsam auf. Es entsteht jene „Verliebtheit ins Leben", von der Ernst Bloch am Ende seines Lebens begeistert schrieb.

„Das ist meine Hoffnung. Das ist mein Gebet.
Ich blicke mit Freude dem Tag entgegen, 
an dem Kinder in der Schule die Grundsätze der Gewaltlosigkeit
und der friedlichen Konfliktlösung lernen."[15]

[1] Frank Walter Steinmeier bei seinem Besuch in Ägypten am 6. Mai 2015
[2] Eine Zusammenstellung von Sätzen aus Immanuel Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten
[3] siehe hierzu: Hans Korfmacher, Kann der IS-Terror mit gewaltfreien Mitteln beendet werden? auf: www.dharma-university-press.org
[
4] In Anlehnung an ein Zitat von Ernst Bloch 1977
[5] UN-Flüchtlingshilfeorganisation
[6] siehe hierzu: Claus Hecking, Das griechische Lampedusa, in: DIE ZEIT, Nr.29, 16. Juli 2015, S. 24
[7] Ein neues Gesetz stellt unter Strafe, wer mit Hilfe von Schleusern nach Europa flieht.
[8] siehe hierzu: Jens Jessen, In den Sackgassen der Toleranz, in: DIE ZEIT, Nr. 19, 7. Mai 2015, S. 47
[9] Slogan der Bewegung gegen den Vietnamkrieg 1967: "Fighting for peace is like fucking for virginity."
[10] Dalai Lama, Friedensappell 2015; siehe unter: www.dharma-university-press.org
[
11] Dalai Lama, Friedensappell 2015; siehe unter: www.dharma-university-press.org
[
12] Stefan Zweig, Die Welt von Gestern - Erinnerungen eines Europäers
[13] Dalai Lama, Friedensappell 2015; siehe unter: www.dharma-university-press.org
[14] Dalai Lama, Friedensappell 2015; siehe unter: www.dharma-university-press.org
[15] Dalai Lama, Friedensappell 2015; siehe unter: www.dharma-university-press.org

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