Friedensappell des Dalai Lama 2015

Friedensappell des Dalai Lama 2015 Foto: Tibetisches Zentrum Hamburg e.V.


Dharamsala, im März 2015

Seit Jahrtausenden wird Gewalt im Namen von Religionen eingesetzt; Religionen waren und sind oft intolerant. Um politische oder wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, wurden und werden Religionen missbraucht, von ihren Führern instrumentalisiert. Deshalb sage ich:

Wir brauchen im 21. Jahrhundert eine neue Ethik jenseits aller Religionen. Ich spreche von einer säkularen Ethik, die auch für über eine Milliarde Atheisten und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich ist.

Wesentlicher als Religion ist unsere elementare menschliche Spiritualität. Das ist eine in uns Menschen angelegte Neigung zu Liebe und Mitgefühl, Güte und Zuneigung – unabhängig davon, welcher Religion wir angehören.

»Wir können ohne Tee, aber nicht ohne Wasser leben!«

Nach meiner Überzeugung können Menschen zwar ohne Religion auskommen, aber nicht ohne innere Werte, die wir Ethik nennen. Ethik und Religion verhalten sich wie Wasser zu Tee, wobei innere Werte, die sich auf religiöse Begründungen stützen, einem Tee entsprechen: Tee besteht zum größten Teil aus Wasser, doch er enthält noch weitere Zutaten wie Teeblätter, Gewürze, vielleicht auch ein wenig Zucker und – zumindest in Tibet – eine Prise Salz; das macht ihn gehaltvoller, geschmackvoller und zu etwas, das wir jeden Tag genießen möchten.

Unabhängig davon, wie wir den Tee zubereiten, ist sein Hauptbestandteil Wasser. Wir können ohne Tee leben, jedoch nicht ohne Wasser. Wir werden ohne Religion geboren, können ohne sie leben - jedoch nicht ohne das urmenschliche Grundbedürfnis nach Mitgefühl.

»Mitgefühl ist die Basis menschlichen Zusammenlebens!«

Ich sehe immer deutlicher, dass unser spirituelles Wohl nicht von Religionen abhängig ist, sondern von der uns angeborenen menschlichen Natur, unserer natürlichen Veranlagung zu Güte und Fürsorge, zum Mitgefühl. Unabhängig davon, ob wir einer Religion angehören oder nicht, existiert in uns allen eine elementare, ethische Urquelle. Dieses gemeinsame Fundament gilt es zu hegen und pflegen.

Ethik, nicht Religion, ist in der menschlichen Natur verankert. Mit dieser Kraft können wir daran arbeiten, die Welt zu bewahren. Das ist praktizierte Ethik und Religion.

Mitgefühl ist die Basis menschlichen Zusammenlebens. Es ist meine Überzeugung und auch wissenschaftlich belegt, dass die menschliche Entwicklung auf Kooperation und nicht auf Wettbewerb beruht. Wir müssen lernen, dass die Menschheit eine einzige Familie ist.

Wir alle sind physisch, mental und emotional Brüder und Schwestern. Doch wir legen den Fokus zu sehr auf unsere Differenzen, anstatt zu erkennen, was uns verbindet. Dabei wurden wir alle auf dieselbe Weise geboren und werden auf die gleiche Weise sterben. Wir alle sind gleichwertige Wesen. Es ergibt keinen Sinn, mit Stolz auf eine Nation oder eine Religion auf dem Friedhof zu landen!

»Egoismus und Gewalt sind falsche Wege!«

Ethik ist viel tiefer in uns verankert als jede Religion. Beispielsweise kann der Klimawandel global nur gemeinsam aufgehalten werden. Ich hoffe und bete, dass diese Erkenntnis auf dem nächsten Klimagipfel in Paris im Herbst 2015 endlich zu konkreten Ergebnissen führt.

Egoismus, Nationalismus und Gewalt sind grundsätzlich falsche Wege. Die wichtigste Frage für eine bessere Zukunft lautet: „Wie können wir einander helfen, wie können wir miteinander leben?" Dafür müssen wir unser Bewusstsein schärfen. Das gilt auch für Politikerinnen und Politiker.

Wir benötigten positive, heilsame Geisteszustände, die in der Meditation eingeübt werden können. Ich übe das vier Stunden jeden Tag. Solche Meditationen sind wichtiger als ritualisierte Gebete. Schon Kinder können dadurch Ethik lernen. Das ist hilfreicher als alle Religionen.

»Wir müssen selbst die Veränderung sein,die wir zu sehen wünschen!«

Die Hauptursachen für Kriege und Gewalt sind die negativen Emotionen in unserem Geist. Diesen geben wir täglich zu viel Raum - und unserem Verstand und unserem Mitgefühl dafür zu wenig. Ich schlage Ihnen daher vor: Mehr zuzuhören, mehr nachzudenken, mehr zu meditieren. Mit Mahatma Gandhi bin ich der Auffassung: »Wir müssen selbst die Veränderung sein, die wir in der Welt zu sehen wünschen.«

Aufgrund der furchtbaren Erfahrungen in totalitären Staaten lernen wir, dass Frieden nur dann von Dauer ist, wenn Menschenrechte respektiert werden, wenn alle Menschen zu essen haben und wenn alle sich als Freie und Gleichwertige anerkennen.

Wahren Frieden miteinander und um uns herum können wir nur durch inneren Frieden erzeugen. Zum Erlangen von Glück ist die Entwicklung einer universalen Verantwortung und einer säkularen Ethik erforderlich.

»Gewaltfreiheit praktizieren!«

Ich werde immer an der Gewaltfreiheit festhalten - ob in der Tibet-Frage oder in anderen Konflikten. Das ist intelligente Feindesliebe. Durch intensives Meditieren können wir lernen, dass Feinde unsere besten Freunde und Freundinnen, unsere besten Lehrerinnen und Lehrer sind. Aus der Perspektive einer säkularen Ethik werden wir durch Feindesliebe zu gelasseneren, mitfühlenderen und urteilsfähigeren Menschen.

So erhalten wir die Chance, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens, ein Jahrhundert des Dialogs, ein Jahrhundert einer fürsorglicheren, verantwortungsvolleren und mitfühlenderen Menschheit wird.

Das ist meine Hoffnung. Das ist mein Gebet. Ich blicke mit Freude dem Tag entgegen, an dem Kinder in der Schule die Grundsätze der Gewaltlosigkeit und der friedlichen Konfliktlösung lernen.

»Achtsamkeit und Meditation leben!«

Den materiellen Dingen messen wir zu viel Bedeutung bei. Sie sind wichtig, aber sie können unseren psychischen, geistigen Stress, unsere Furcht, unsere Wut oder Frustration nicht verringern helfen. Wollen wir glücklich leben, müssen wir unsere mentalen Belastungen, wie zum Beispiel Stress, Ängste, Frustrationen überwinden. Deshalb brauchen wir ein tieferes Verständnis vom Geist und Denken.

Durch Meditation und Nachdenken können wir zum Beispiel lernen, dass Geduld das wichtigste Gegenmittel gegen aufbrausende Wut ist, Zufriedenheit gegen Gier wirkt, Mut gegen Angst hilft, Verständnis gegen Zweifel angewendet werden kann, Zorn über andere nicht hilfreich ist. Stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass wir uns selbst ändern. Das verstehe ich unter praktischer Achtsamkeit.

»Gewalt abschaffen!«

Der Mensch scheint an Reife zu gewinnen. Das Bedürfnis nach Frieden und die Ablehnung von Gewalt ist bei fast allen Menschen ausgeprägt. Wir müssen alle möglichen Anstrengungen unternehmen, weltweit gewalttätige Handlungen zu stoppen, einzudämmen, abzuschaffen. Es reicht nicht mehr aus, unseren Mitmenschen zu sagen, dass wir Gewalt ablehnen und Frieden wollen. Wir brauchen die nächsten Schritte wirksamer Methoden. Wir müssen Gewalt abschaffen.

Waffenexporte sind ein großes Hindernis für jeden Frieden, weil Waffen zum Töten erdacht und produziert werden. Wann immer wir auf Probleme stoßen, wirtschaftliche Konflikte entstehen oder Fällen religiöser Differenzen begegnen, müssen wir erkennen, dass Waffen nicht helfen können. Wir müssen erkennen, dass die einzig wahre Methode der Dialog zwischen den Konfliktparteien ist.

Wir müssen lernen, dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Das letzte Jahrhundert war das Jahrhundert der Gewalt.

»Das 21. Jahrhundert sollte das Jahrhundert des Dialogs und des Friedens sein!«

Die Vergangenheit können wir niemals ändern, aber wir können aus ihr für eine bessere Zukunft lernen.

Die Vorstellung, Probleme seien mit Gewalt und Waffen lösbar, ist ein verheerender Irrglaube. Außer in sehr seltenen Ausnahmefällen erzeugt Gewalt stets neue Gewalt. Krieg ist in unserer vernetzten Welt nicht angemessen, widerspricht jeder Vernunft und Ethik. Der Irak-Krieg, den George W. Bush 2003 begonnen hatte, löste eine Katastrophe aus; der damit verbundene Konflikt ist bis heute nicht gelöst und tötet immer noch viele Menschen.

Es reicht nicht aus, nur an den Friedenswillen der Politiker und Politikerinnen zu appellieren. Wichtiger ist, dass Menschen auf der ganzen Welt sich zur Abrüstung, zur Demilitarisierung der Welt bekennen. Abrüstung ist praktiziertes Mitgefühl. Ich appelliere daher an alle Kriegsparteien und Regierungen weltweit:

»Rüstet ab und nicht auf!«

Voraussetzung einer äußeren Abrüstung ist allerdings eine innere Abrüstung von Hass, Vorurteilen und Intoleranz. Ich appelliere an alle Menschen:

»Überwindet Hass und Vorurteile durch Verständnis, Kooperation und Toleranz!«

Trotz allen Leids, das China uns Tibetern seit Jahrzehnten zufügt: Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass menschliche Konflikte durch aufrichtigen Dialog gelöst werden können. Diese Strategie der Gewaltfreiheit und der Ehrfurcht vor allem Leben ist das Geschenk Tibets an die Welt.

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Hier zum kostenlosen Herunterladen der PDF-Version des Buches: Der Appell des Dalai Lama an die Welt - mit Franz Alt

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1 Kommentar

  • Kommentar-Link Jutta Holme Samstag, 01 August 2015 13:05 gepostet von Jutta Holme

    Für mich hat die Idee des Dalai Lama, statt all der unterschiedlichen Religionen, die einander oft erbarmungslos bekämpfen, eine universelle, säkulare Ethik zu erarbeiten und einzuführen, etwas sehr befreiendes. Eine solche Ethik, wie sie der Dalai Lama vermutlich meint, basiert auf der Erkenntnis, dass kein Lebewesen nach Leid für sich strebt, sondern versucht, für sich einen Zustand der Leidfreiheit zu schaffen. In diesem Bestreben sind alle Lebewesen gleich. Daraus leitet der Dalai Lama ab, dass aus der Erkenntnis dieser "Gleichheit" der Wesen, ein Gemeinschaftsgefühl der gegenseitigen Zuneigung entstehen kann. Dies gilt es, zu fördern und zu kultivieren, um einerseits bei jedem Einzelnen einen Zustand der inneren Ausgeglichenheit zu ermöglichen, aber letztlich auch, um auf diese Weise die Chance zu bekommen, unseren Planeten für uns Menschen, mit allen Tieren und Pflanzen, bewohnbar bleiben zu lassen.

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