Geist und Empfindung

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von Hans Korfmacher: Lebenskreise (Band 2) - Glück und Geist - Kapitel 14:

Sokrates, Platon und Aristoteles entdeckten schon früh in der europäischen Philosophiegeschichte den Geist, der ihrer Auffassung nach mit der Geburt in einen Körper eintritt und diesen mit dem körperlichen Tod wieder verlässt. Doch dieser Weisheit über die Kontinuität des Geistes folgte die Zeit des kirchlichen Dogmas, dass der menschliche Verstand und Wille ein Geschenk Gottes seien. David Hume und Immanuel Kant sind die europäischen Denker, die diese philosophische Schallmauer endgültig durchbrechen und Europa an die buddhistischen Weisheiten des Geistes, die besonders Asanga im 4. Jahrhundert systematisiert hat, heranführen.


Nachdem Martin Luther zu Beginn des 16. Jahrhunderts als unorthodoxer Gelehrter die Schatztruhe des Denkens für die breiten Schichten geöffnet hat, beginnen viele zu überlegen, ob die Worte der Bibel ihnen Sinn und Glück schenken können. Sie berichten schließlich ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern von ihren aufkommenden Zweifeln. So ergreift das Denken, das nur ein Nachdenken auf der Grundlage von Erfahrenem ist, immer mehr Menschen. Ohne diese Bildungsrevolution einer neuen, von unten protestierenden Kirchengemeinde besäße wahrscheinlich noch heute die Mehrheit der Bevölkerung kein grundlegendes Wissen über Sprache und Mathematik(1). Die sich daraus ergebenden wissenschaftlichen Disziplinen wären vermutlich noch so mystisch wie einst die Alchemie. Die von Sokrates initiierte Aufklärung wäre ohne Luther und nachfolgend Galilei nach 1900 Jahren geistiger Verödung Europas nicht wieder in Gang gekommen.

Trotzdem bewegt sich das Mainstream-Denken der europäischen Gesellschaften bis weit ins 18. Jahrhundert im Bannkreis der katholischen Kirche, die in ihrer doppelten Rolle als geistliche und weltliche Herrscherin dafür sorgte, dass Bildung außerhalb der Klöster nicht stattfinden konnte. Sie machte damals den gleichen Fehler wie die heutige Oberschicht und läutet damit unwissend notwendige Änderungen ein: Denn sie erlaubte nur den Söhnen und Töchtern aus wohlhabendem Stand den Zugang zu den Klöstern, was nicht unbedingt die besten Köpfe in ihre Schulen trieb. Mit den Jahren verkümmerte die intellektuelle Fähigkeit der Klöster(2). Genauso wie die der meisten heutigen Eliteschulen, in denen junge Menschen mit dem Virus des Weltbildes einer kämpfenden, nicht kooperierenden Menschheit infiziert werden. Sie verlieren dadurch so früh ihre Lebensfreude, dass es schmerzt mitansehen zu müssen, wie viele von ihnen in ihr vermutlich hochbezahltes Leid rennen werden. Denn weder junge Juristen, Medizinerinnen oder Ingenieure, noch die Bachelors oder Masters der Business Schools und Wirtschaftsstudiengänge werden angesichts der von ihnen erwarteten funktionalen Leistungen und Arbeitsstunden glücklich leben. Geld ist das Werkzeug instrumenteller, leidvoller Vernunft. Lediglich ein paar junge Hasardeure des Finanzmarktes empfinden noch dumpfen Spaß über ihre scheinbar unbegrenzte Kraft – besonders die zur Zerstörung.

Erst im 18. Jahrhundert gelingt philosophisch endlich die Überwindung der kirchlichen Dogmen. Während Thomas von Aquin den sechsten Sinn des Geistes noch als Beweis für Gottes Existenz angesehen hat, kommt Kant – wie Sokrates 2000 Jahre zuvor - auf den einfachen wie genialen Gedanken, dass der Geist ein natürlicher Aspekt jedes Menschen ist und eines Gottes nicht bedarf. Sein Hauptargument gegen den Gottesbeweis ist fast banal: Es kann kein Subjekt geben, das unabhängig von irgendeinem Prädikat ist, denn sobald man die Eigenschaften eines Subjektes negiert, verliert man das ganze Subjekt. Folglich ist jedes Subjekt und somit auch jeder Gott abhängig von anderem, was aber der Definition eines Gottes widerspricht. Abhängiges Entstehen und Vergehen stehen in deutlichem Widerspruch zur Idee eines Gottes. Genüsslich schreibt er daher:

„Der Begriff eines höchsten Wesens ist in mancher Hinsicht eine nützliche Idee;
sie ist aber darum, weil sie nur eine Idee ist, ganz unfähig,
unsere Erkenntnis zu erweitern." (3)

Kant betreibt wie Hume die philosophischen Umbrüche seiner Zeit, doch beide gehen ganz unterschiedliche Wege. Während Hume sich auf das Verstehen der Sinneseindrücke und Beobachtungen konzentriert und damit den neuen Empirismus begründet, meditiert Kant in Königsberg über den reinen Verstand und die reine Vernunft. Er forscht über die Existenzweisen des Geistes und dessen Fähigkeiten - und wirft mit der prinzipiellen Unmöglichkeit eines Gottesbeweises die gesamte christliche Philosophiegeschichte seit Augustinus intellektuell gleich mit über Bord. Dass ihm dies gelingt, ist wohl auch der Tatsache zu verdanken, dass der Arm der römischen Kurie nicht bis ins protestantische Königsberg reichte. Sonst hätten sie ihn vermutlich als Hexer verbrannt, was Galilei Galileo bekanntlich nur deshalb erspart blieb, weil er seine Thesen vor der Kurie widerrief - vermutlich mit dem listigen Hintergedanken, dass seine Ideen ob ihres Wahrheitsgehalts sich eh durchsetzen würden, worin ihm die Geschichte Recht gibt.

Empirische Erkenntnisse basieren stets auf Empfindungen

Der Theoretiker Kant beginnt sein Unterfangen der Analyse des Geistes wie Hume mit den Erfahrungen der Sinneseindrücke, denn

„dass alle unsere Erkenntnis mit Erfahrung anfängt, daran ist gar kein Zweifel;
wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden,
geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne berühren...
Der Zeit nach geht keine Erkenntnis der Erfahrung voraus."(5)

Alle Denkenden seit Sokrates sind sich einig darin: Mit der Berührung der Sinne durch andere Lebewesen und Gegenstände beginnt die Erkundung der Welt. Sowohl der Empiriker Hume wie auch der Logiker Kant gelangen aber auch zu der erstaunlichen Feststellung,

dass die Wirkungsweise eines Gegenstandes auf die Vorstellungskraft eine Empfindung ist.
...und nur diejenige Anschauung,
welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, empirisch heißt." (6)

Dieser Gedanke entspricht Asangas Denken: Empirie bedeutet in einer frühen Phase der Wahrnehmung, etwas zu empfinden. Die Empfindung entsteht nach dem Moment der Berührung des Geistes durch das Objekt, das in der buddhistischen Terminologie als Wissensobjekt bezeichnet wird, da es ein Wissen über die Welt ermöglicht. Da die Empfindung der spontanen „Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungskraft" entspricht, ist sie ein Faktor des Geistes. Ein Gedanke, der umso mehr erstaunt, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir heute die Emotionen entsprechend der Idee einer Körper-Seele lediglich als physische Reaktionen betrachten. Als wären wir Wesen eines Reiz-Reaktionsmechanismus, der vom Verstand kontrolliert wird. Dass der Geist jedoch gar keine andere Möglichkeit hat, als bei jeder Berührung - und sei es nur durch einen banalen Stuhl - etwas zu empfinden, wird jedem Menschen klar, der sich selbst beobachtet. 

Den Empfindungen folgt der Begriff

Kant zieht aber im Gegensatz zu Hume hieraus den Schluss, dass die von den Empirikern postulierte Objektivität einer Beobachtung nur eine subjektive Feststellung ist:

„Farben, Geschmack usw. sind mit Recht nicht als Beschaffenheit der Dinge zu betrachten,
sondern bloß als Veränderung unseres Subjekts,
die sogar bei verschiedenen Menschen andere sein können." (7)

Jeder Mensch schmeckt eine Speise etwas anders, sieht einen Baum oder ein anderes Objekt rein individuell, hört, riecht und ertastet die Außenwelt anders als jeder andere. Mit der ersten Berührung, die wir durch den Kontakt mit einem Wissensobjekt erfahren, erleben wir eine subjektive Empfindung, die sich vermutlich von der aller anderen Menschen unterscheidet. Letztlich wissen wir nicht einmal, ob unsere Empfindungen ähnlich sind oder nicht. Das quantenmechanische Prinzip, dass ein Wissensobjekt durch eine Beobachtung bereits verändert wird, schimmert bei diesem Gedanken schon durch.

Daher, so argumentiert Kant, basieren die „gesetzmäßigen Zusammenhänge von Wahrnehmungen", die wir Theorien nennen, zwar auf Erfahrungen, sind selbst aber nicht Erfahrungen der Sinne oder des Körpers, sondern Erscheinungen des Geistes:

„Es ist eine Erfahrung, in welcher wir uns alle
Wahrnehmungen als gesetzmäßige Zusammenhänge vorstellen...
Die durchgängige und synthetische Einheit der Wahrnehmungen ist die Form der Erfahrung.
Sie ist nichts anderes als die synthetische Einheit der Erscheinungen nach Begriffen."(8)

Den ersten Satz vereinnahmen Empiriker für ihre Interpretation, dass Theorien auf Beobachtungen fußen. Das ist so banal wie die Feststellung, dass die Welt existiert. Doch wie schon bei der Analyse des aristotelischen Denkens aufgezeigt, berücksichtigt der Empirismus nicht den wichtigen zweiten Teil des Gedanken, dass die „synthetische Einheit der Wahrnehmungen eine synthetische Einheit der Erscheinungen nach Begriffen" ist. Theorien sind Ideen, die abstrakt mit Noein (dt.: Denken) und Phantasia im Geist konstruiert werden. Jede Erklärung, jedes Wort und jeder Satz sind eine Konstruktion des Geistes. Sie spiegeln nur die Interpretation zugeordneter Emotionen wider, die nach einer Berührung entstehen. Kant bekräftigt damit die sokratische Erkenntnis, dass sinnliche Wahrnehmungen über das Schöne, Gleiche usw. durch geistige Prozesse nur interpretiert werden, wobei zunächst Empfindungen entstehen, die wir anschließend zu abstrakten Begriffen als Ausdrucksformen des Geistes formulieren.

Damit entpuppt sich auch jene These als falsch, wonach Empfindungen und Begriffe diametral zueinander stünden, als gäbe es eine Welt der Empfindungen und eine Welt der begrifflichen Vernunft, die in einem Wettstreit miteinander stünden. „Emotion gegen Vernunft", lautet das heute weit verbreitete Credo, mit dem wir uns selbst in einem Spannungsfeld gefangen halten. Sogar die Metaphern Yin und Yang werden hierfür missbraucht. Empfindungen entsprechen in diesem falschen Weltbild den weiblich weichen, liebe- und verständnisvollen, innovativ kreativen Fähigkeiten des Menschen. Begriffe hingegen werden als männlich hart, durchdringend kämpferisch, erfolgreich erobernd, kühl die Welt ergreifend klassifiziert. Auch meine Vorstellung davon, wie wir als Menschen die Welt wahrnehmen, basierte vor zwanzig Jahren weitgehend auf dem Gedanken, dass Begriffe und die zugehörige Sprache die wesentlichen Medien seien, mit denen wir die Welt in uns aufnehmen und gestalten. Emotionen schienen mir mehr ein hinderlicher Ballast zu sein.

Dem Weltbild des Primats des Begriffs widersprechen klar und deutlich ausgerechnet der Logiker Kant wie der Empiriker Hume und der Philosoph Hegel, der als letzter Sokratiker der westlichen Philosophie gilt. Sie alle eint die einfache Feststellung, dass Begriffe nur primären Empfindungen folgen können, die nach einer Berührung des Geistes durch ein Objekt entstehen. Keine Wahrnehmung und kein Gedanke entstehen je ohne eine Empfindung. Diese geht immer den Begriffen voran. Die übliche These von der Dominanz der Begriffe ist somit falsch.

Den Sturm der Begriffe beenden

Doch warum glauben wir heutzutage, dass Begriffe wichtiger sind als Empfindungen? Versuchen wir unsere Empfindungen unter den Bergen der Worte zu vergraben, um die Welt zu verdinglichen? Oder sind wir vielleicht kaum mehr fähig, unsere Gefühle zu ertragen? Haben wir Angst vor ihnen und sind deshalb unfähig, sie anderen mitzuteilen? Ist die Verdrängung der Empfindung gar ein Resultat der christlichen Mythologie, wonach sie des Teufels ist? Kant gräbt mit seinen Gedankengängen wie ein Archäologe die wertvollen Fragmente des Sokrates' aus dem Geröll der christlichen Philosophie aus und weist auf die Bedeutung der Empfindung bei jeder Wahrnehmung hin.

Bringe ich heute, wo ich genügend Zeit und ein gewisses Maß an Achtsamkeit zur Verfügung habe, in der Meditation meinen Geist zur Ruhe und entwöhne ihn von den unzähligen Begriffen und den damit verbundenen Konzepten, kann ich meinen Kontakt mit der Außenwelt frisch und ohne begriffliche Zwänge fühlen. Gelingt dies, nehme ich die Empfindungen auch während feinster Berührungen mit der Welt wahr - und erlebe pure Lebensfreude. Auf diesem einfachen Vorgang beruhen Meditationen, mit denen wir den Geist zur Ruhe bringen können. Beispielsweise in der Zen-Meditation: Sitzend vor einer meist weißen Wand, die reine Empfindung eines singulären sinnlichen Eindrucks fühlend, frei von allen Begriffen. Ist der Geist aufgrund entsprechender Übungen frei von Konzepten, fließen spontan Tränen oder das Gesicht entspannt sich unvermittelt zu einem natürlichen Lächeln.

Meditationen sind Methoden, um zunächst den vor allem durch Augen und Ohren erzeugten Sturm der Begriffe zu beenden und so den wie einen wilden Affen umherspringenden Geist - der manchmal hundert Affen ähnelt - zu bändigen. Die dann eintretende Ruhe im Geist ist Voraussetzung für spätere Meditationen zur Untersuchung der Natur des Geistes. Deshalb werden diese Übungen zur Beruhigung des Geistes auch als vorbereitend bezeichnet. Die Besänftigung des springenden Affen gelingt besonders gut mit einer Atemmeditation, bei der die Aufmerksamkeit des Geistes auf die vielfältigen Qualitäten des scheinbar unbedeutenden Atems gerichtet wird. Damit gelangt die einfache Einsicht ins Bewusstsein, dass der Atem das Leben erhält: „Das Leben ist wertvoll." Während ich den Geist so auf eine der heilsamen Quellen des Lebens ausrichte, fühle ich Leben. Ich spüre die ständigen Veränderungen des Atems, die Kälte und Wärme der geruhsam ein- und ausströmenden Luft, das Heben und Senken des Bauches und der Brust, der Reinigung meines Geistes durch diese Ruhe und der Gewissheit des Atems. „Leben ist Bewegung." Lebensfreude entsteht, ohne dass ich mich an Worte oder Ideen, an Erwartungen oder Träume klammern muss. Allerdings kann es Monate oder Jahre dauern, bis man den Atem für nur zehn Sekunden ohne einen unterbrechenden Gedanken beobachten kann - weil der springende Affe enorme Ausdauer hat.

Gelingt es nach einer gewissen Zeit den Geist zu beruhigen, fördern Mantra Meditationen die weitere Befreiung des Geistes von der ach so wichtigen Begriffswelt. Das Sprechen eines Mantras mit einem bereits durch die Atemmeditation beruhigten Geist bindet diesen wie einen Elefanten an einen Baumstamm. Durch das beständige Murmeln der Silben mehrere hunderttausend Mal verlieren die gängigen Konzepte ihre prägende Rolle. Zusätzliche Visualisierung beispielsweise einer Buddha-Figur stärkt die Konzentrationsfähigkeit des Geistes. Das innere Auge des Geistes sieht nun klarer als das körperliche es je kann. „Leben ist ein langsam dahinfließender Fluss in vollkommener Verbundenheit mit Allem." Die vier tibetisch-buddhistischen vorbereitenden Übungen sind ein äußerst wirksames Mittel, um die Sucht nach Begriffen Schritt für Schritt aufzugeben. Damit gelangen auch andere Süchte und Sehnsüchte an ihr Ende. Ich erlebe Freude, erhalte eine erste klare Sicht auf mein meist verborgenes Geist-Ich.

Doch in jedem Moment lauern schier unendlich viele Ablenkungen: Die Augen überspringen meist viel zu schnell die bei einem kurzen Blick schon entstehenden Empfindungen. Die visuellen Informationsströme sind so gewaltig, dass sie den Geist beständig zu Begriffen verführen. Weil die mit dem Auge aufgenommene Informationsflut so gewaltig ist und die damit einhergehenden Empfindungen kaum bewältigt werden, gelingt es im normalen Alltag nur selten, einen richtigen Begriff für Gesehenes zu formen. Gerade in Zeiten von YouTube erleiden wir viel zu viele visuelle Eindrücke und finden deshalb zu oft nicht mehr die rechten Worte. „Je mehr wir sehen, desto weniger denken wir."

Das Ohr ist das Sinnesorgan, über das wie beim Auge extrem viele Informationen in den Geist eindringen. Wir können die Ohren nicht einmal wie die Augen schließen, sind den vielen unangenehmen Geräuschen erbarmungslos ausgeliefert: Dem Rauschen der Straßen, dem Donnern der Züge oder Straßenbahnen, dem Dröhnen der erbarmungslos, scheinbar überall umherschwirrenden Flugzeuge und nicht zuletzt dem Lärm unserer ach so geliebten elektronischen Freunde, die in jeder Hosentasche und in jedem Zimmer summen, vibrieren, klingeln oder uns mit Musik und vielen Worten beschallen, um die Herrschaft der begrifflichen Welt zu sichern. Erst wenn der letzte Ton verklungen, das letzte kleinste Geräusch zur Ruhe gekommen ist, werden die ersehnte Ruhe und damit Glück möglich. „Höre die Schönheit der Stille, höre das Rauschen der Gedanken, bis auch sie sanft verklingen." Höre ich in solcher Ruhe unbefangen und ohne Begriffe eine kurze Tonfolge, beispielsweise von Bach oder Beethoven, Melodien indischer Veden oder Gesänge afrikanischer oder amerikanischer Stämme, dann gelangen die ursprünglichen Gefühle aus der Berührung mit der bewegten Luft ins Bewusstsein. Freudige Empfindungen springen im Herz.

Befinde ich mich an einem fast geräuschlosen Ort und schließe die Augen, ertaste ich die Umgebung mit der Haut. Ich spüre die leichtesten Schwingungen der Luft, die Temperaturunterschiede des Atems - äußerst feine Luftströme, die mich begleiten. Jetzt sind die Störungen fein und subtil. Gelingt es mir, den Affen weiter zu beruhigen, erfasst weitere Freude meinen Geist.

Gehe ich mit beruhigtem Geist durch einen Wald oder über eine Blumenwiese und rieche die vielen Düfte, die mich empfindsam durchdringen und mir das scheinbar unerschöpfliche Repertoire der Natur präsentieren, erwachen Assoziationen an vergangene Dufterlebnisse und lassen mich mein Leben genießen. Glück lugt hervor.

Und natürlich freut sich der Gaumen über die schier unzählige Anzahl von Geschmäckern, für die ich nicht einmal mehr Begriffe finde, da es so viele Worte nicht geben kann. Lenke ich mich beim Essen nicht durch Geräusche oder Gespräche, Gerüche oder Bilder ab, schmecke ich die großen Aufführungen des guten wie auch des schlechten Geschmacks schon bei einem einfachen Gericht.

Mit jeder Übung steigt die Sensibilität der Sinne. Selbst der leise Summton eines Kühlschranks wird zum Presslufthammer. Auch wenn dies zunächst nervt, zeigt es den richtigen Weg an. Aber die erhöhte Achtsamkeit ist nur ein Hochplateau – und noch nicht der zu erklimmende Gipfel. Vorläufig besteht das wesentliche Ziel im behutsamen Schließen der Schleusentore, um die Sinnesfluten nicht mehr in den Geist aufnehmen zu müssen. Ganz sanft, nicht mit Gewalt, sind die Tore zu schließen. Jeder Zwang löst nur sofortigen Widerspruch und damit einen inneren Disput aus, die dem Affen neue Nahrung geben würde. Steigert sich die Sensibilität der Sinne weiter, wird selbst das leise Fließen des Wassers in den Heizungsrohren zum dröhnenden Rauschen eines Gebirgsbaches. Wir biegen auf den guten Weg zur vollständigen geistigen Ruhe (Sanskrit: Shamatha) ein, jener Bedingung zur tiefgründigen Erforschung des Geistes.

Die Entleerung des Geistes von Sinneseindrücken und Begriffen ist das Mittel, um den Affen in meinem Geist zumindest für einige Momente zur Ruhe zu bringen. Für diesen Prozess sind dementsprechend Orte und Situationen förderlich, wo wir möglichst wenigen Bildern, Geräuschen, Gerüchen, Geschmäckern ausgesetzt sind. Daher halten sich Meditierende an stillen Orten auf. Mit dem Schließen der Augen, ohne einzuschlafen, wird das Haupttor der sinnlichen Wahrnehmungen verschlossen. Nur der Tastsinn der Haut kann nicht aufgehoben werden, weil wir nicht über dem Boden schweben können. Kommt nach vielen tausend Stunden Übung der Affe endlich zur Ruhe, liegt vor mir in der Höhle des sechsten Sinns, dem Freud'schen ES, das Geist-Ich. Dies zu erkennen erfordert dann aber doch mehr als nur geistige Ruhe, die zwar eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung ist. Denn die Weisheit über das Leer-sein von inhärenter Existenz – ein zunächst begrifflicher Prozess, der erst in einer späteren Phase in eine Intuition mündet - ist das zweite Bein, das wir für die Wanderung zum Gipfel des Glücks brauchen.

Gelingt es, selbst nur wenige Momente eines stillen Geistes zu erleben, zeigt sich klar und deutlich das Spannungsfeld der Welt zwischen Ruhe und allgemeiner Geschäftigkeit: Die Motoren der Flugzeuge in 11.000 Metern Höhe werden zu einem unerträglichen Lärm, der Gestank unnatürlicher Aromen beleidigt die Nase, und schon ein paar Moleküle eines künstlichen Geschmacksstoffes bringen den Gaumen in Rage. Ich fühle, wie sehr die gewöhnliche Welt sich dem Wahnsinn naht, sich mit scheinbar unzählbaren Sinnesreizen dauernd betäubt. Die Folge: Es entsteht eine Unzahl von Emotionen, die wie ein Tsunami über die Menschheit hinwegrasen - und beständig Leid erzeugen. Schmerz und Kampf, Einsamkeit und Traurigkeit sind die dominierenden Gefühle unserer Zeit. Wollen wir vielleicht deshalb alle Gefühle verdrängen und müssen daher immer öfter unter depressiven Schüben leiden? Sind Begriffe nur Krücken des geschäftigen, aber leidvollen Lebens?

Wir gaukeln uns eine objektive Welt nur vor

Kant erschüttert mit der Betonung der Empfindung bei jeder Wahrnehmung und vor jedem Begriff die Illusion der empirischen Objektivität in ihren Grundmauern, denn Empfindungen sind nun wahrlich subjektiv. Kein Geschmack lässt sich als objektiv missbrauchen und zum Glück können wir über Empfindungen nicht streiten. Sie sind alle subjektiv wahr. Hätten Popper und andere über die Bedeutung der Empfindung für jede Theorieentwicklung und Wissenschaft nachgedacht, wäre der Menschheit der naive Positivismus erspart geblieben. Aber so wie wir 2000 Jahre lang christliche Dogmatik überstanden haben, werden wir wohl noch ein paar hundert Jahre den Positivismus schultern müssen.

Hannah Arendt zieht aus der Kant'schen Erkenntnis die wichtige Schlussfolgerung, dass die

„Subjektivität des Es-erscheint-mir nur dadurch behoben werden kann,
dass der gleiche Gegenstand auch anderen erscheint,
sodass die Intersubjektivität der Welt
und nicht die Ähnlichkeit der physischen Gegenstände es ist,
die die Menschen davon überzeugt, dass sie zur gleichen Art gehören."(9)

Wie offen wäre die Welt, wenn die Kleriker des Positivismus auch diese einfache Konsequenz zögen und Wissenschaftsjournalisten nicht mehr die Dummheiten über die Absolutheit einer Materie oder die Objektivität wissenschaftlicher Versuche verbreiten würden. Erst die Intersubjektivität (Verständigung zwischen mehreren Personen) gibt uns, so Arendt, „die Gewissheit, dass wir gemeinsam auf einem Planeten leben." Sie gibt uns die Sicherheit, dass die Erde ein gemeinsames Raumschiff in den unendlichen Weiten der Galaxien ist, weshalb in einem Flugzeug vielen der Blick nach oben mehr Angst einjagt, als der Blick nach unten. Erst mit einem gemeinsamen Verständnis von Welt, das durch intersubjektive Verständigung möglich wird, sind wir nicht mehr einsam in den Weiten des Alls. Die Unendlichkeit des Kosmos wirkt dann weniger bedrohlich. Wir brauchen die Intersubjektivität wie die Luft zum Atmen, weil sie uns zeigt, wie sehr das Leben eine ständige Veränderung und abhängig von vielen Faktoren ist.

Betrachten wir - durch Meditation sensibilisiert - das Geschehen auf unserem Globus, erkennen wir, wie sehr uns eine überschäumende Objektivität in einer digitalisierten Welt vorgegaukelt wird. Alles wird in Daten verpackt und als Fakten getarnt - obwohl nur subjektive Meinungen und Empfindungen dahinter stehen können. Aussagen im Internet werden als Tatsachen geglaubt, ohne zu hinterfragen, welche Personen oder Gruppen sich zu einer bestimmten Auffassung verabredet haben. Hierauf beruht die manipulative Macht der Medien, die als Propaganda zu den schärfsten Waffen moderner Kriege gehört. Führen tatsächlich Separatisten einen Bürgerkrieg in der Ukraine? Kämpfen in Syrien tatsächlich Freunde der Freiheit gegen die korrupte Herrschaft eines Clans? Waren die Taliban nicht einst die Verbündeten der USA gegen die Sowjetunion? Scheint es nicht manchmal, als wäre der Kalte Krieg mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 nicht beendet, sondern in einen seither stets heißer werdenden Krieg der beiden rivalisierenden Großmächte überführt worden? Je größer der Raum ist, aus dem wir Informationen erhalten, desto schwieriger wird die intersubjektive Verständigung und desto größer ist das Risiko, Opfer gezielter Manipulation zu werden.

Die vorgegaukelte Objektivität der Daten lässt vielen die lebensnotwendige Fähigkeit zur intersubjektiven Überprüfung nicht mehr als so dringlich erscheinen. Das Internet scheint die Mühen des Denkens ersparen zu können. Es mutet an, als begännen wir durch die Digitalisierung das intersubjektive Verweilen unter Menschen zu verlernen – und damit das Leben selbst zu verlieren. Für eine friedliche Existenz der Menschheit ist aber von großer Bedeutung, dass wir die vermeintlichen Fakten als das betrachten, was sie sind: wahrgenommene Meinungen, die wir miteinander kommunikativ interpretieren, verifizieren oder auch verwerfen können. Die kooperative Kommunikation ist, wie gezeigt (10) , die Ursache für den evolutionären Erfolg der Menschheit, während der Sieg, egal welcher Ideologie, nur das atomare Ende der Menschheit besiegelt.

Aus der Lebensnotwendigkeit zur Intersubjektivität folgert Hannah Arendt:

„In einer Erscheinungswelt voller Irrtum
wird Wirklichkeit durch drei Gemeinsamkeiten gewährleistet:
a) die fünf Sinne beziehen sich auf einen gemeinsamen Gegenstand;
b) die Vertreter einer Gruppe haben einen gemeinsamen [kommunikativen] Kontext,
der jedem Gegenstand seine besondere Bedeutung verleiht;
c) und alle anderen mit Sinnen begabten Wesen nehmen zwar diesen Gegenstand
aus völlig verschiedener Perspektive wahr, sind sich aber über seine Identität einig.
Aus dieser dreifachen Gemeinsamkeit erwächst die Wirklichkeitsempfindung."(11)

Hannah Arendt hebt wie Kant die Empfindung hervor, erfindet wortgewandt den schönen Begriff einer „Wirklichkeitsempfindung", die niemals eine absolute, objektive Wahrheit widerspiegeln kann, sondern nur eine rein subjektive Sichtweise ist. „Die Gedanken sind frei", vor allem aufgrund der Tatsache, dass sie dem Geist-Ich entspringen. In einem zweiten Schritt verständige ich mich mit anderen, um jene Welt zu verstehen, die wir gemeinsam bewohnen und gestalten – ob wir wollen oder nicht.

Empfindungen ermöglichen kommunikative Kommunikation

Mit den Erkenntnissen über die Rolle der Empfindung in der Wahrnehmung werden fast alle Kommunikationsprobleme verständlich. Empfindungen bestimmen Worte und ihre Bedeutungen. Dass Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mindestens aber auf verschiedenen Kontinenten, anders geartete Interpretationsmuster für ihre Emotionen aufgrund ihrer Wahrnehmungen entwickelt haben, zeigt sich an der Entstehung der vielen Sprachen, Kulturen, Religionen, Philosophien und anderen Formen der Ästhetik (Wahrnehmung). Da bei jeder intrasubjektiven (innerhalb einer Person stattfindend) Interpretation von Sinneseindrücken immer primär Empfindungen wirken, spielen diese auch bei der Begriffsbildung und der einhergehenden intersubjektiven Abstimmung eine entscheidende Rolle. Erlebe ich etwa eine Empfindung aufgrund der Wahrnehmung eines Gegenstandes konträr zu dem Gefühl eines Menschen aus einem anderen Land, dann werden wir so schnell keine Übereinkunft darüber finden.

Das ist die Ursache dafür, weshalb beispielsweise die Verständigung zwischen Menschen aus den USA und aus Europa oft grandios scheitert: Viele weißhäutige Menschen in den USA fühlen sich heute noch wie einst die Siedelnden, als sie auf dem neuen Kontinent ankamen: Sie kämpfen noch immer innerlich gegen »Indianer« um ein Stück Land - heute vor allem um Geld und Informationen. Sie befinden sich seit über dreihundert Jahren im Modus des Kampfes, glauben die Welt von ihrer Freiheit und Lebensweise überzeugen zu müssen. Deshalb rufen führende US-Senatoren schon wieder nach Waffen und verdrängen, dass Leid – drastisch ablesbar an den in den USA jährlich 30.000 durch Waffengewalt Ermordeten – durch diesen Kampfmodus stets erneuert wird.

Viele Menschen in Europa hingegen sind seit 1945 müde vom Kämpfen, wissen um das ungeheure Leid, das damit verbunden ist. Sie suchen nach Wegen zur Kooperation und erkennen, dass dies auch zwischen den Nationen erforderlich ist. Diese Empfindungen und nachfolgenden Gedanken haben zur Gründung der Europäischen Union geführt, die heute manchmal so fragil erscheint, als würde sie schon morgen zerbrechen.

„Die zivilisatorische Errungenschaft der EU besteht darin, dass Konflikte in Brüsseler Hinterzimmern so lange weicht gekocht und zerkleinert werden, bis sich das Publikum gelangweilt abwendet, aber in der Sache ein Kompromiss erzielt ist, dem alle zustimmen können. Dieses Verfahren ist aufwendig und mühsam, sorgt aber seit mehr als einem halben Jahrhundert dafür, dass die Staaten Europas einigermaßen miteinander auskommen."(12)

Knapp fünfzehn Jahre durfte ich an diesem Schauspiel als kleine Randfigur teilnehmen und empfinde diese Beschreibung schon beim ersten Lesen als so zutreffend, dass ich weinen und lachen muss. Der Wunsch nach Frieden prägt nach den fürchterlichen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges alle Prozesse der Europäischen Union. Weshalb Vereinbarungen nie endgültig sind, auch wenn wir uns dies oft wünschen. Regeln einer Gemeinschaft sind gut, aber kein Selbstzweck. Verhandlung und Verständigung sind die lebendigen Fähigkeiten des jungen europäischen, kooperierenden Weltbildes, was sich in den scheinbar nicht enden wollenden Beratungsrunden der EU widerspiegelt – ein Politikstil, den in den USA kaum jemand versteht, weil dort nur Sieg oder Niederlage verstanden wird. „Gelingen die Friedensgespräche nicht", so die Bundeskanzlerin Merkel vor den Gesprächen in Minsk, „dann... Ja, über die Alternativen will ich gar nicht reden, weil wir uns das nicht vorstellen wollen." Ein bemerkenswert ehrlicher Satz, der die Sorge vor einem russisch-amerikanischen Krieg auf europäischem Boden zum Ausdruck bringt.

Wissend um diese unterschiedlichen historischen Hintergründe, die sich niederschlagen in den spontanen Empfindungen Einzelner wie Gruppen, wird verständlich, weshalb so viele Menschen aus den USA und Europa stundenlang aneinander vorbeireden und nicht merken, dass sie unbewusst die Welt unterschiedlich interpretieren. Die Illusion über eine Objektivität, die besonders im angelsächsischen Raum gepredigt wird, behindert die Wahrnehmung der verschiedenen Empfindungen. Selbst die neuronale Kommunikation (13) wird dann blockiert, was allerdings auch zwischen einem Schwaben und einem Rheinländer passieren kann.

Bei Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, die miteinander arbeiten wollen oder müssen, ist dementsprechend ein wechselseitiges Verständnis für ihre unterschiedlichen kulturellen und individuellen Kommunikationshintergründe – gewissermaßen eine interkulturelle Sensibilität - erforderlich. Damit internationale Teams kommunikativ kooperieren, ist vor jeder sachlichen Arbeit eine interkulturelle Verständigung nötig. Dies fordert und fördert die Fähigkeit der Beteiligten, sich zunächst ihrer Empfindungen bei jeder Wahrnehmung bewusst zu werden und zu versuchen, diese ihrem Gegenüber in Umschreibungen mitzuteilen. Während eines interkulturellen Trainings wird dann jemand spontan sagen: „Ja, das nennen wir X"; und jemand anderes wird erklären, „bei uns heißt das aber Y." Nach einer Weile wird jemand aus einem weiteren Kulturkreis noch einen Begriff beisteuern. Werden alle Empfindungen gleichwertig in einer gemeinsamen Runde präsentiert, wird den Beteiligten klar, dass Begriffe Ergebnisse von Empfindungen, zu oft auch von Vorurteilen sind - und dass wir nur ein subjektives, emotionales Verständnis von Begriffen haben. Dies gelingt auch mit der Methode eines sogenannten kontrollierten Dialogs: Jemand erklärt seine Empfindung und die zuhörende Person wiederholt das Gehörte mit eigenen Worten. Der erste korrigiert das Wiederholte und die zweite Person wiederholt es erneut. Dieser Vorgang wird solange wiederholt, bis Einvernehmen erreicht ist, um dann die Rollen zu tauchen.

In einem solchen Prozess kann dann tatsächlich die Fähigkeit zur viel beschworenen Völkerverständigung wachsen. Dann kann immer öfter der Satz fallen: „Ja, ich glaube zu verstehen, was du gerade meinst." Wird ein solches interkulturelles Lernen versäumt, sind bei jedem Team Störungen in Diskussions- und Arbeitsprozessen gewiss, die zwar mit einem Machtwort in der Sprache der Mehrheit oder Herrschenden unterdrückt, aber nicht beseitigt werden können.

Dass dies nicht nur in internationalen Konzernen erforderlich ist, erkennen wir, wenn wir die multikulturelle Wirklichkeit um uns herum wahrnehmen: Auf den meisten Stationen in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen schaffen in der Regel Menschen aus vielen Kulturkreisen. In fast jedem Restaurant, jeder Fabrik und jedem Logistikzentrum arbeiten Menschen aus ganz Europa, oftmals aus Asien und Afrika zusammen. Zur weltweit zunehmenden Freiheit gehören zum Glück die Reise- und Arbeitsfreiheit. Wir befinden uns längst in einer riesigen Völkerwanderung, die es kooperativ zu organisieren gilt. Aber gewiss nicht durch Einreisequoten nach Gesichtspunkten einer instrumentellen Nützlichkeit der Einzelnen.

Dies bedenkend wird deutlich, welche enormen emotionalen und intellektuellen Leistungen erforderlich sind, um ein Krankhaus, ein Alten- und Pflegeheim, ein Logistikunternehmen, einen internationalen Konzern, einen multikulturellen politischen Zusammenschluss wie die Europäische Union oder gar die Vereinten Nationen (UNO) zu organisieren. Die Barrieren entstehen durch die vielen Missverständnisse aufgrund unterschiedlicher Empfindungen bei der Berührung des Geistes mit den Wissensobjekten. Sie zu überwinden erfordert die Entwicklung neuer Vereinbarungen, was über kurz oder lang zu einer neuen offenen Kultur führen wird, in der sich Menschen ihrer Subjektivität bewusst sind. Auf dieser Basis müssen sie stets ihre Vereinbarungen und die Bedeutungen der Begriffe überprüfen. Gelingt dies, entsteht ein neues Gefühl der Menschen aus ehemals verschiedenen Kulturen füreinander. Dann steht nicht mehr die Tradition, sondern der Wunsch nach einem gemeinsamen, friedvollen und glücklichen Leben auf unserem Planeten im Mittelpunkt.

Doch wie bei so vielem anderen auch, gilt es achtsam zu sein: Wir dürfen weder dem Gesang der Sirenen folgen, die von liebreizenden Gefühlen singen und uns in die reine Welt der Emotionen entführen. Noch dürfen wir in den Sog der instrumentellen Vernunft geraten, die die Kontrolle über das Leben und somit die Herrschaft erreichen will. Notwendig ist, den mittleren Weg zwischen Szylla und Charybdis zu finden, zwischen spontanen Gefühlen und berechnenden Strategien. Denn sowohl die Verherrlichung der Vernunft der Begriffe wie auch die romantische Übersteigerung der Emotionen lässt das Schiff des Lebens an Klippen zerschellen oder in Strudeln versinken.

Nach dem mittleren Weg suchend, stellen sich weitere Fragen: Warum empfinde ich Wut in einer Situation, in der andere ruhig bleiben? Warum bleibe ich gelassen, wenn andere geifernd etwas begehren und kreischen, wenn sie es nicht erlangen? Allgemein: Warum empfindet jeder und jede so – konfrontiert mit Begriffen und nach jeder Berührung durch die Wissensobjekte der Welt – wie sie empfinden? Warum nehmen wir die Außenwelt so wahr, wie wir sie wahrnehmen? Stehen Muster dahinter und woher kommen sie?

Kant beantwortet diese Fragen mit „der reinen Vernunft" und gelangt wie Sokrates zu der Erkenntnis, dass wir bereits vor der ersten Empfindung im Geist ein Wissen über das haben, „dem wir den Stempel des Seins an sich aufdrücken". Dies zu ergründen scheint der richtige Weg zum Glück zu sein. Denn

„um den inneren Feind, die zerstörerischen Emotionen zu bewältigen, brauchen wir ein umfangreiches Wissen über ihre Ursachen...Das System der einundfünfzig Geistesfaktoren nach Asanga ist hierfür besonders geeignet. Und es spricht nichts dagegen, diesem weitere Erkenntnisse der westlichen Wissenschaft hinzuzufügen. Wissenschaft über den Geist und die Emotionen ist etwas Universales."(14)

 

[1] Mit jedem längerem Nachdenken komme ich zu dem Schluss, dass Sprachen und Mathematik die Grundlagen für das Denken bilden. Denn die Sprache ist das Medium der Kommunikation des Geistes und die Mathematik fördert die Logik und das Argument.

[2] Besonders eindrucksvoll ist dies dokumentiert am Untergang des Benediktiner-Klosters auf der Insel Reichenau im Bodensee, das im 12.und 13. Jahrhundert das Zentrum der christlichen Eliten nördlich der Alpen war und direkt an den Papst berichtete. Doch weil nur noch die Kinder der Wohlhabenden dort Zugang erhielten, verlor das Kloster innerhalb von einem Jahrhundert seine intellektuelle Potenz und damit auch die Stellung in der Hierarchie der Kirche. 

[3] 
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, (Original Blatt B630) , S. 535

[4] Siehe hierzu: Lebenskreise – Kampf oder Kooperation? Kapitel: Die Konstruktion des ICH, S. 226 ff

[5] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, (B1,2), S. 45

[6] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, (B33), S. 20

[7]
Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, (B45), S. 77

[8] Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, (A 111), S. 177

[9]Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, S. 59

[10] Siehe hierzu: Lebenskreise Band 1, Kapitel: Der evolutionäre Vorteil der kooperativen Kommunikation, S.122

[11]Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, S. 59

[12] Die Sturheit siegt?, in: Die Zeit, Nr. 8, 2015, 19.2.2015, S.1

[13] Siehe hierzu: Lebenskreise Band 1, Kapitel: Neuronale Kommunikation verbindet uns permanent, S.138

[14]Dalai Lama im Gespräch mit einer Delegation des Tibetischen Zentrums Hamburgs am 24. August 2014.


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