Warum das Nagarjuna Projekt?

Der indische Philosoph Nagarjuna hat im 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung die Form des indischen Buddhismus begründet, die wir als Mahayana Buddhismus bezeichnen. Das Leer-sein aller Phänomene von inhärenter Existenz (Selbst-sein) ist der Mittelpunkt dieses Denkens, das Nagarjuna insbesondere in seinem Werk Mulamadhyamakakarika, der >>Lehre über den mittleren Weg<<, dargelegt hat.

Vom Mulamadhyamakakarika existieren verschiedene englisch- und deutschsprachige Übersetzungen, von denen ich seit mehreren Jahren fünf verschiedene Varianten lese, darüber nachdenke und meditiere. Dabei ist mir klar geworden, dass Übersetzungen immer auch Interpretationen eines Textes sind. Denn die Übertragung eines Wortes in eine andere Sprache ist stets mit Konnotationen, also mit zwischen den Zeilen vermittelten Meinungen und Erfahrungen verbunden. In diesem Sinne existiert keine neutrale, im absoluten Sinne richtige Übersetzung: Lebenserfahrungen, Lebenshintergründe und philosophische Denkansätze schwingen in jeder sprachlichen Ausdrucksform mit, ob in der alltäglichen Sprache oder den Schriften der vielen Weisen. Dies ist einer der Gründe dafür, warum wir in einer Gruppe zunächst Sprachkonventionen vereinbaren, bevor wir uns verständigen können. Und es ist eine der Ursache dafür, dass Sprache - zum Glück - nicht digitalisierbar ist.

Bei der Rezeption der verschiedenen Übersetzungen des Mulamadhyamakakarika sind mir verschiedene widersprüchliche Interpretationen begegnet, die mich veranlasst haben, über die Bedeutung einzelner Worte intensiver nachzudenken und zu meditieren. Im Dezember 2013 entstand dann die Idee, diese Gedanken aufzuschreiben. Inspirationen und Formulierungen, die in meinem Geist während der Meditationen über jeden Vers auftreten und so die fünf Übersetzungen zu vergleichen.

Aber mit jedem Aufschreiben entsteht das Gefühl einer Festlegung, als wäre dies nun der Weisheit letzter Schluss, was vermutlich Sokrates dazu verleitete, seine Gedanken niemals aufzuschreiben. Die Erfahrung zeigt, dass schon während der nächsten Meditationen andere Aspekte ans Tageslicht befördert werden können, die bislang noch nicht bedacht wurden.
Seit einem Jahr meditiere ich über verschiedene Formulierungen für Verse, die Nagarjuna uns hinterlassen hat. Hieraus entwickeln sich für mich mittlerweile zunehmend schlüssige Formulierungen, die ich von nun an veröffentliche, um in Kontakt mit anderen kommen zu können, die vielleicht ähnliche Erfahrungen haben.

Mein Wunsch ist, aus der Diskussion mit anderen und mit mir selbst in einigen Jahren eine vollständige vergleichende Übersetzung und Interpretation erarbeiten zu können. Insofern hoffe und bitte ich Sie um Ihre Gedanken zu den jeweiligen Passagen. Mögen wir damit gemeinsam dazu beitragen, die überragende Weisheit Nagarjunas in unsere heutige Zeit zu transponieren – nicht nur auf akademischer Ebene, sondern für das ganz praktische und alltägliche Leben. Denn, wie der Dalai Lama in Hamburg im August 2014 gesagt hat:

„Die Befreiung vom Leid ist ohne ein Verständnis der Weisheit,
die das Leer-sein von inhärenter Existenz erkennt, nicht möglich."

Es werden folgende Übersetzungen vergleichend betrachtet:
1. Kenneth Inada, Nagarjuna – A Translation of his Mulamadhyamakakarika with an Introductury Essay, First Indian Edtion, Delhi, 1993. (Das Original wurde erstmals 1970 veröffentlicht.)
Kurznennung: Inada 1970

2. David Kalupahana, Nagarjuna – The Philosophy of the Middle Way, State University of New York Press, Albany, NY, 1986
Kurznennung: Kalupahana 1986

3. Jay Garfiled, The Fundamental Wisdom of the Middle Way, Nagarjuna's Mulamadhyamakakarika, Oxford University Press, 1995 (Diese Übersetzung ist identisch mit der Übersetzung in Jay Garfield, Ocean of Reasoning, A Great Commentary on Nagarjunas Mulamadhyamakakarika by Je Tsongkapa, Oxford University Press 2006)
Kurznennung: Garfield 1995

4. Bernhard Weber-Brosamer, Dieter M. Back, Die Philosophie der Leere, Nagarjunas Mulamadhyamakakarika, Harrasowitz Verlag 2005 (Die ursprüngliche Arbeit wurde 1997 fertiggestellt.)
Kurznennung: Weber/Back 1997

5. Lutz Geldsetzer, Nagarjuna – Die Lehre von der Mitte, Meiner Verlag 2010
Kurznennung: Geldsetzer 2010

Hans Korfmacher

1 Kommentar

  • Kommentar-Link gesine spieß Freitag, 19 Dezember 2014 17:57 gepostet von gesine spieß

    "Dabei ist mir klar geworden, dass Übersetzungen immer auch Interpretationen eines Textes sind." WIE WAHR - ABER AUCH VERSTEHEN DER "MUTTERSPRACHE" IST INTERPRETATION. DAS VERSTEHENDE SUBJEKT BRINGT SICH STETS EIN.

    WAS FÜR EIN PROJEKT!!!

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