Was ist Frieden?

Was ist Frieden?

Am 3. November 1998 hielt der Dalai Lama bei einem Festakt der Stadt Oldenburg eine Rede, in der er die Grundsätze friedlichen Zusammenlebens und die Wege dorthin mit einfachen Worten beschreibt. Anlass waren damals die Kriege in Jugoslawien und im Kosovo. Unser Anlass zur erneuten Veröffentlichung dieser Rede ist die Krise in der Ukraine, der Krieg in Syrien, im Irak und Palästina, aber auch die Gewalt, die Menschen in vielen Teilen der Welt täglich erleiden. Seine Rede ist heute genauso wichtig und aktuell wie damals. Im vorliegenden Text wurde die Übersetzung sprachlich überarbeitet. Seine außergewöhnlichen Gedanken wurden durch Zwischenüberschriften strukturiert.

Frieden ist unmittelbar mit gerechtem Handeln und Denken verbunden. Herrscht in einem Menschen Frieden, ist sein Verhalten ehrlicher und aufrichtiger. Dies ist die Basis für mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Das bedeutet Frieden.  

Es gibt einen äußeren und einen inneren Frieden. Der äußere Frieden besteht nicht in der bloßen Abwesenheit von Gewalt, sondern in etwas Tiefergehendem und Aktiverem. Echter Frieden kann nicht durch Furcht erreicht werden. Wir alle erinnern uns an den Kalten Krieg, als ein tatsächlicher Kriegsausbruch durch die Angst vor immenser atomarer Zerstörung vermieden wurde. Doch das war meiner Meinung nach kein echter Frieden, weil Frieden mehr als die Abwesenheit von Krieg bedeutet. Frieden basiert auf Respekt voreinander und auf echtem Mitgefühl. 

Welche Schritte können wir also unternehmen, um Frieden zu erreichen?

Abschaffung von Atomwaffen

Ein wichtiger Aspekt ist die Abrüstung. Unser Handeln sollte auf die vollständige Entmilitarisierung der Welt ausgerichtet sein. Dazu müssen wir zunächst die Atomwaffen von unserem Planeten verbannen. Kürzlich hat es wieder Atomtests in Indien gegeben. Dies stimmt mich jedes Mal sehr traurig. Ich habe mich immer für eine totale Verbannung und Abschaffung der Atomwaffen ausgesprochen. Entsprechende Vorschläge, von wem sie auch kommen, unterstütze ich von ganzem Herzen. 

Gegenwärtig behalten sich einige größere Nationen das Privileg vor, Atomwaffen zu besitzen. Das ist recht undemokratisch: Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der UNO haben nicht nur ein Vetorecht, sondern beanspruchen darüber hinaus auch das Recht auf Atomwaffen. Man kann aber nicht von der übrigen Welt Abrüstung einfordern, wenn man selber Massenvernichtungsmittel besitzen will. Die jüngsten Atomtests in Indien und in Pakistan zeigen sehr deutlich wie wichtig es ist, Atomwaffen von unserem Planeten zu verbannen.

Verbot des Waffenhandels

Ein zweiter Schritt zur Erreichung eines äußeren Friedens ist die Unterbindung des Waffenhandels. Der Handel mit Waffen ist moralisch höchst verwerflich, weil er die Voraussetzungen für das Töten von Menschen ganz konkret und unmittelbar schafft. Es ist moralisch nicht zu rechtfertigen, dass sich  einige Länder am Verkauf von Waffen bereichern und glauben, dadurch ihre Wirtschaft zu fördern, während Menschen in anderen Teilen der Welt durch diese Waffen sterben. Betroffen sind vorwiegend Menschen in sehr armen Ländern, beispielsweise auf dem afrikanischen Kontinent. Viele dortige Führer verwenden einen Großteil der Staatseinnahmen für Waffenkäufe, mit der Konsequenz, dass kaum mehr Geld für Investitionen in wichtige Entwicklungsprojekte wie Schulen oder der Infrastrukturen des vorhanden ist. Sind dann Lebensmittel aufgrund einer Naturkatastrophe nicht ausreichend vorhanden, hungern die Menschen ohne Aussicht auf eigene Hilfe, weil zuvor die finanziellen Ressourcen des Staates für Waffen verschwendet wurden. 

Ein positives Gegenbeispiel ist Costa Rica. Ich hatte vor Kurzem die Möglichkeit, dieses Land zu besuchen und mir die Lage anzusehen. Die wirtschaftliche und soziale Situation Costa Ricas ist im Vergleich zu anderen Ländern mit ähnlicher Problemlage sehr viel besser. Beispielsweise gibt es große Bemühungen beim Ausbau des Bildungssektors. Das Land hält keinen Militärapparat vor, sondern nur eine kleine Polizei. Deshalb kann das Staatsbudget für wichtigere Aufgaben verwendet werden. Dieses Beispiel zeigt, weshalb wir den Waffenhandel unbedingt kontrollieren und alle Anstrengungen unternehmen sollten, ihn zu beenden.

Abrüstung braucht inneren Frieden

Echter äußerer Frieden kann nicht ohne inneren Frieden realisiert werden. Wenn die Menschen und besonders diejenigen, die in Regierungs- und Führungspositionen sind, nicht von innerem Frieden getragen sind, sondern von negativen Emotionen wie Neid und Gier nach mehr Besitz und Ruhm dominiert werden, werden sie Gewalt anwenden und zwangsläufig jeden Frieden zerstören. Deshalb muss die äußere Abrüstung von einer inneren Abrüstung unterstützt werden. Dies wiederum können wir nur erreichen, indem wir Hass, Wut und ähnlich schädigende Geisteszustände in unserem Geist vermindern. 

Wollen wir positive Geisteszustände entwickeln, ist es erforderlich, die gesamte Menschheit als eine Einheit zu erkennen, uns als menschliche Brüder und Schwestern zu betrachten. In der heutigen Welt – sei es in der Wirtschaft, in der Umwelt oder anderen Bereichen – können Probleme nicht mehr isoliert betrachtet werden. Man kann die Fragen einer Nation nicht mehr angehen, ohne andere Nationen miteinzubeziehen. Die Welt ist aufgrund unserer Vernetzung miteinander auf verschiedenen Gebieten kleiner geworden. Das ist gut so, weil dies unsere Verbundenheit zum Ausdruck bringt. Dieser Tatsache müssen wir Rechnung tragen, indem wir Probleme zunehmend auf globaler Ebene lösen. Die Barrieren und Grenzen, die wir aufgrund unterschiedlicher Ideologien und Nationen künstlich schaffen, sind heute nicht mehr wirklich relevant. Die Realität sagt uns: Wir müssen umdenken. In gewisser Weise entwickelt sich die Realität schneller als unsere innere Einstellung, die sich den veränderten Gegebenheiten noch nicht angepasst hat.

Durch Mitgefühl wächst die innere Abrüstung

Einige Wissenschaftler gehen mittlerweile in ihren Einschätzungen so weit, dass sie unter den gegebenen Verhältnissen der globalen Vernetzung von Wirtschaft und Politik die traditionelle Einteilung in Innen- und Außenpolitik nicht mehr für angemessen halten. Außenpolitik ist zu einem Element der Innenpolitik geworden und umgekehrt, weil die Welt so ineinander verwoben ist, dass jede Schädigung unseres Nachbarn letztlich auch eine Schädigung für uns selbst bedeutet. Im Umkehrschluss folgt hieraus: Jede Unterstützung, die wir einem anderen Land oder einem Nachbarn gewähren, ist eine Unterstützung für uns selbst. 

Wenden wir diese Einstellung in unserem Alltag an, können wir Hass, Intole-ranz und andere negative Geisteszustände reduzieren und unser universelles Verantwortungsgefühl stärken. Dadurch befreien wir uns von Feindseligkeiten und können Liebe und Mitgefühl in der Gesellschaft stärken. Mit der zunehmenden Sorge um die anderen, also dem Mitgefühl, wächst die innere Abrüstung. Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Mitgefühl und Frieden. Doch es ist wichtig, Liebe und Mitgefühl nicht nur religiösen oder spirituellen Menschen zu überlassen, sondern dies als eine grundlegende, lebensnotwendige menschliche Haltung zu erkennen. 

Wenn wir Anteil am Schicksal anderer nehmen, wächst in uns unmittelbar eine innere Stärke. Aus dieser inneren Stärke erleben wir inneren Frieden. Denn eine mitfühlende Haltung öffnet anderen Menschen die Tür zu unserem Herzen. Als Belohnung erleben wir mehr Freude und gewinnen neue Freunde. So entsteht ein tiefes Vertrauen zwischen den Menschen. 

Wenn wir hingegen negative Geisteszustände wie Zorn oder Gier in uns schüren, verschließen wir die Tür unseres Herzens. Folglich verweigern wir die Kommunikation mit anderen. Misstrauen und Ängste werden sich dadurch ausbreiten. Ein auf das Selbst zentriertes Denken grenzt den geistigen Horizont stark ein. Dann kreisen wir nur noch um uns selbst, dem EGO. Ein Denken, das sich auf andere bezieht, eine mitfühlende Haltung also, erweitert unseren geistigen Horizont. Die eigenen realen Probleme erscheinen dann nicht mehr so riesig und bedrohlich.

Gewaltlosigkeit ist Ausdruck von Mitgefühl

Ein Wissenschaftler präsentierte mir kürzlich statistische Daten, die aufzeigen, dass selbstzentrierte Menschen einem höheren Herzinfarktrisiko ausgesetzt sind, weil in dem Denkmodus des ICH der Mensch immer nur Sorge um sich selbst hat. Ein ICH zentrierter Menschen fühlt sich von auftretenden oder auch nur vorgestellten Probleme meist völlig überwältigt und gerät dadurch in einen großen Aktivitätsmodus. Aus der Sorge um andere hingegen – dem DU oder WIR – können wir eine innere Stärke entwickeln, eine positive Atmosphäre, die auch einem selbst nützt: Wir werden dadurch freudiger und gesünder und diejenigen, die wir bislang als Feinde wahrgenommen haben, wandeln sich allmählich zu Freunden. Deshalb ist Mitgefühl das Wunderbarste, das wir als Menschen erleben können. 

Wir alle haben das Potenzial für eine mitfühlende Lebenshaltung. Und trotzdem werden diese grundsätzlichen menschlichen Werte von uns viel zu oft vernachlässigt. Hieraus resultieren dann zahllose Sorgen, von denen viele unnütz sind. Sobald wir uns viele Sorgen um uns machen, sind wir schon auf einem falschen Weg. Deshalb möchte ich Sie bitten, sich um die Entwicklung Ihrer inneren menschlichen Werte, Ihres Mitgefühls zu bemühen. Das ist für uns alle in jeder Weise nützlich. 

Gewaltlosigkeit ist nicht nur die Abwesenheit von Gewalt, sondern sie ist ein Ausdruck bzw. eine Manifestation von Mitgefühl, der Verantwortung für das gemeinschaftliche Leben auf unserem Planeten. Mitgefühl und Gewaltlosigkeit bedingen sich wechselseitig, so wie umgekehrt Hass immer Gewalt erzeugt. Um eine gewaltlose Gesellschaft zu schaffen, ist die Stärkung der inneren Werte, Menschlichkeit und Mitgefühl, eine notwendige Voraussetzung.

Kooperation ist Grundlage des Lebens

Die zentrale Frage an dieser Stelle lautet: Mit welchen Instrumenten können wir Konflikte gewaltfrei lösen? Wie können wir Mitgefühl und damit Gewaltlosigkeit entwickeln? 

Solange Menschen unabhängig denken, wird es Widersprüche zwischen ihren Meinungen und Sichtweisen geben. Das lässt sich unmöglich verhindern, weil jeder und jede nur aus der eigenen Perspektive die Welt betrachten kann. Unterschiedliche Meinungen sind an und für sich auch nichts Schlechtes. Auch unser Körper besteht doch aus einer Vielzahl verschiedener Elemente, die sich in gewisser Weise iin einem Widerstreit befinden. Gesundheit besteht, wenn diese unterschiedlichen Elemente sich in einer Balance befinden. Sobald ein Element dominiert und wir aus dem Gleichgewicht geraten, werden wir krank. 

Ähnliches können wir in der Natur beobachten. Die vielen verschiedenen Pflanzen- und Tierarten stehen in einem produktiven Wettbewerb miteinander, was immer wieder zu neuen Entwicklungen führt. Evolution wäre nicht möglich, wenn es keinen Wettbewerb der unterschiedlichen Ideen und Vorgehensweisen zur Problemlösung gäbe. 

Auch im Denken Einzelner existieren Widersprüche. Einmal denken wir in diese Richtung, dann wieder in die andere. Auf diese Weise lernen wir, ein Problem aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Erst aus der Synthese von Gegensätzen gewinnen wir neue Erkenntnisse, mit denen wir weitere Probleme bewältigen können. Deshalb sind Widersprüche und unterschiedliche Auffassungen zu einem Thema sehr förderlich, sofern man korrekt mit ihnen umgeht. Aus meiner Sicht ist die Dialogfähigkeit ein entscheidender Faktor, um unterschiedliche Auffassungen produktiv zu nutzen. 

Früher galt das einfache Gesetz: Wenn eine Nation einen 100-prozentigen Sieg davon trägt, wird die andere Seite eine 100-prozentige Niederlage erleiden. Aber diese Denkweise greift heutzutage nicht mehr. Sie ist überholt, weil nach einer atomaren Auseinandersetzung der Großmächte kaum ein Mensch überleben würde. Krieg ist kein mögliches Mittel von Politik mehr, auch wenn die vielen Kriege uns glauben machen, Krieg sei auch heute noch ein probates Mittel der Politik. Schauen wir genauer hin erkennen wir, dass wir alle so miteinander verflochten sind, das der Sieg einer Seite unmöglich ist. Kurzfristige Siege einer Seite sind immer nur scheinbare Erfolge. 

Unser Mitgefühl und damit die Fähigkeit, sich in den anderen hineinversetzen zu können, ist die wesentlich intelligentere Strategie, um gemeinsam auf diesem Planeten weiter leben zu können. Mitgefühl und Kooperation müssen allerdings geübt werden. Dazu könnten wir beispielsweise immer nur 60 Prozent eines Gewinns oder eines anderen Vorteils für uns behalten und die übrigen 40 Prozent anderen überlassen. Mit einer solchen Regel wären wir auf einem realistischen Weg hin zu einer mitfühlenden Gesellschaft. Wir können nicht gleich alles abgeben, weil wir uns damit überfordern würden. Aber eine 60:40 Verteilung scheint mir realistisch. Bedenken Sie: Behalten wir den Gewinn immer nur für uns, ignorieren wir die Bedürfnisse der anderen völlig und legen damit neue Grundlagen für Konflikte. Deshalb ist die Berücksichtigung der Bedürfnisse aller im Geiste eines Dialogs und einer Kooperation so wichtig für ein glückliches und friedvolles Leben. 

Das Prinzip des Teilens und des Dialogs sollte auch stärker in die Erziehung unserer Kinder und Jugendlichen einfließen. Die jungen Menschen sollten zum Beispiel in der Schule den Dialog als einen Aspekt ihres Lebens begreifen lernen. Gerade in der heutigen Gesellschaft wird die Jugend mit so vielen Konflikten konfrontiert, dass sie die Dialogfähigkeit und andere Instrumente der Kooperation unbedingt benötigen, um in der Welt handlungsfähig zu werden. Es ist von großer Bedeutung, dass  wir die Dialogfähigkeit von klein an vermitteln. Da wir nicht mehr einfach in den Kategorien von Nationalstaaten denken können, ist diese Strategie heute wichtiger denn je. Verstehen wir uns daher als Brüder und Schwestern auf diesem Planeten, die durch Dialog kooperieren!  Man kann vielleicht sagen, dass das 20. Jahrhundert eine Ära der Gewalt und des Blutvergießens war. Das kommende 21. Jahrhundert müssen wir zu einer Epoche des Dialogs und der Kooperation machen.

Frieden beginnt im Alltag

Frieden ist nicht etwas theoretisches, sondern beginnt in jedem Alltag. Wenn etwa Ihr Nachbar Sie ständig ärgert und Ihnen Probleme bereitet, ist es sinnvoll, dass Sie sich ein Gefühl der universellen Verantwortung bewahren, in dem Sie innerlich ruhig bleiben und Ihr Mitgefühl für diesen Menschen erhalten. Dabei erkennen Sie ihre Nachbarin oder ihren Nachbarn als einen Menschen, wie Sie selbst einer sind, mit eigenen Erfahrungen und Problemen. Viele meinen, dass man mit einer solchen ruhigen und achtsamen Haltung alles ertragen müsse. Aber das ist aber falsch. Gerade auf der Grundlage einer inneren ruhigen Einstellung ist es viel leichter, die für eine Situation angemessene Handlung zu finden, um Schaden von allen abzuhalten. Schaden für andere oder sich selbst zu vermeiden, ist grundsätzlich richtig. Falsch ist es hingegen, Handlungen zur Vermeidung von Schädigungen um des lieben Friedens willen zu unterlassen. Tun Sie also etwas gegen die permanenten Störungen anderer, aber ohne Ihr inneres Mitgefühl zu verlieren. Das ist sicherlich schwierig, aber es ist möglich.

Wenn Sie ruhig bleiben, dann werden Sie auch weiterhin viele Freunde haben, die gerne mit Ihnen zusammen sind. Sie bleiben dadurch glücklich und gesund. Ihr Nachbar wird das vielleicht bemerken und sich darüber ärgern: „Ich unternehme ständig etwas, um ihn aus der Ruhe zu bringen, und er lebt einfach glücklich und zufrieden weiter.“ Würden Sie stattdessen mit Wut und Ärger reagieren, würden Sie Ihre gute Laune verlieren, aufgrund dessen sich Ihre Freunde dann vielleicht von Ihnen abwenden; vielleicht vergraulen Sie sogar Ihre Haustiere. Mit einem Groll auf Ihren Nachbarn schlafen Sie schlecht, das Essen schmeckt nicht mehr und letztlich hat Ihr Nachbar sein Ziel erreicht. Bleiben Sie aber ruhig, dann verfehlt er sein Ziel. Hass und Wut zu reduzieren ist in jeder Beziehung auf jeder Ebene die bessere Alternative. Deshalb sage ich stets: Eigennützig zu denken ist in Ordnung, aber wir sollten es auf eine kluge Art tun.

Gleichmut ist das Fundament des Mitgefühls

Als Fazit möchte ich Ihnen Folgendes mit auf den Weg geben: Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass wir durch Analyse, Beobachtung und eine tiefes Bewusstsein über uns selbst unsere Einstellungen ändern können. Es ist möglich, ein mitfühlendes Verantwortungsgefühl für alle Menschen und Wesen durch Gleichmut zu entwickeln. Gleichmut ist ein sehr wichtiges Fundament für Mitgefühl und Gewaltlosigkeit. Ohne Gleichmut werden wir von schädigenden Geisteszuständen und Emotionen beherrscht und alle möglichen Schwierigkeiten prasseln auf uns nieder, sei es in der Familie, in Unternehmen oder Verwaltungen, sei es innerhalb eines Landes oder auf internationaler Ebene. Obwohl wir mithilfe äußerer Mittel schon einiges erzielen können, reichen diese letztlich nicht aus, sofern wir unsere geistige Haltung nicht ändern. Wir haben eine wunderbare menschliche Intelligenz. Wir haben ein gutes menschliches Herz. Wir können diese Potentiale kombinieren und werden dadurch selbst als Individuen glücklicher leben - in einer glücklicheren Familie und letztlich in einer glücklicheren Gesellschaft. 

Regierungen und andere Verantwortliche haben sicher ihre Methoden, um eine friedlichere Gesellschaft zu erreichen. Echter Frieden ist allerdings nicht möglich, wenn wir ihnen allein das Feld überlassen. Wir als Individuen müssen uns bemühen und uns selbst verändern. Nur so schaffen wir die Voraussetzungen für eine nachhaltige positive Entwicklung. 

Bitte analysieren Sie, was ich gesagt habe. Überprüfen Sie es. Und wenn Sie einiges davon richtig finden, dann möchte ich Sie dazu ermutigen, dies in Ihrem Leben anzuwenden und es auch anderen mitzuteilen. Wenn Sie es nicht für wertvoll oder lobenswert erachten oder gar für falsch, dann lassen Sie es einfach sein, vergessen Sie es wieder.

Fragen und Antworten

Frage: Wie beurteilen Sie es, wenn aktuell eine Staatengemeinschaft (Nato) einer Diktatur (Serbien) militärische Gewalt androht mit dem Ziel, Vertreibung und Tod von vielen Tausenden von Menschen abzuwenden? Müssten einer solchen Drohung  nicht zwangsläufig Taten folgen, die wiederum unermessliches Leid über die Menschen bringen und die Kette von Gewalt und Gegengewalt aufrechterhalten würden? 

Dalai Lama: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich habe dafür kein Patentrezept. Ich denke, wir müssen in jedem Einzelfall entscheiden und die verschiedenen Aspekte gegeneinander abwägen. Generalisieren hilft uns nicht weiter. 

Gegenwärtig erleben wir einen Konflikt in Jugoslawien und im Kosovo. Aus buddhistischer Sicht ist es eine Tatsache, dass einer bestimmten Entwicklung Ursachen und Umstände zugrunde liegen, die nur sehr schwer abzuwenden sind, sobald alle Ursachen und mitwirkenden Umstände und Probleme zusammen kommen. Man muss sie also sehr früh an die Ursachen heran gehen und nicht erst, wenn sich die Symptome sich als Konflikte zeigen. Denn zeigen sich die Symptome der Gewalt, bleibt oft nur eine hilflose militärische Option übrig. Doch Gewalt erzeugt Gegengewalt. Die Entwicklung im Kosovo und anderswo erteilt uns insofern eine Lektion: Wir müssen von vornherein und früher versuchen, die Dinge auf einer tieferen Ebene zu verstehen, um angemessene Lösungsansätze, die den Dialog wieder ermöglichen, zu finden. 

Frage: Wie können wir Spiritualität im Alltag entwickeln? 

Dalai Lama: Ich unterscheide zwischen zwei Ebenen der Spiritualität: Erstens Spiritualität im Rahmen eines religiösen Glaubens und zweitens Spiritualität ohne einen religiösen Glauben. Die zweite Art bedeutet, ein Mensch zu sein, der die Bedürfnisse der anderen wahrnimmt und warmherzig ist. Nur dann können wir versuchen, mit einer aufrichtigen Motivation wahrheitsliebend unserer Arbeit nachzugehen. Und auch die Genügsamkeit ist wichtig. Ein Leben in Luxus bringt uns letztlich nicht viel Glück. 

Es hat sich im Laufe der Geschichte gezeigt, dass der Kapitalismus beziehungsweise das marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaftssystem sehr dynamisch ist, während die sozialistischen Wirtschaftssysteme ohne Erfolg blieben. Mit Kreativität im ökonomischen Denken kann man im Kapitalismus große Gewinne erzielen. Diese zum Wohle anderer zu nutzen, wäre wahre Spiritualität. Ganz gleich welcher Tätigkeit man nachgeht: In diesem Sinne ist es eine spirituelle Praxis, wenn man seinen Beruf zum größten Nutzen für andere Menschen einsetzt.  

 

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