Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 6: Moral und Wille

Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 6: Moral und Wille

von Hans Korfmacher

Einer tradierten, durch sozialen Druck und Gewalt erzwungenen Moral stellte Immanuel Kant den provokanten Gedanken entgegen:

„Der moralische Wert kann nirgends anders liegen
als im Prinzip des Willens.“[1]

Sein Gedanke provoziert bis heute, weil dadurch herrschende Eliten – vormals Kaiser, Könige und Fürsten sowie Päpste, Kardinäle und Bischöfe, heute Kanzlerinnen oder Präsidenten, Professoren oder Professorinnen, Unternehmensvorstände und Aufsichtsratsmitglieder – ihren moralischen Alleinvertretungsanspruch verlieren: Denn jeder Mensch kann für sich sofort feststellen, dass er oder sie das Vermögen eines »Willens« besitzt.

Immanuel Kants These, dass „im Prinzip des Willens der moralische Wert einer Handlung liegt“, wird allerdings fälschlicherweise als Beleg dafür herangezogen, er sei ein philosophischer Fels des „freien Willens“. Mit dieser Lesart der Kant’schen Philosophie wird der »freie Wille« zum höchsten Gut stilisiert. Doch damit würde die Hypothese notwendigerweise entstehen, dass ich bereits dann „moralisch wertvoll“ handele, wenn ich meinen „Willen“ verwirkliche. Bei genauem Nachdenken stellt sich sodann die Frage: Kann jede Handlung, die ich ausführen »will«, überhaupt moralisch richtig sein? Ist die »Absolutheit des Willens« eine richtige Maxime?

Die »liberale«, vor allem im angelsächsischen Raum vertretene Ideologie der »absoluten Freiheit des Willens« erfasst Immanuel Kants Gedanken jedoch nur unzureichend. Vermutlich war der Wunsch nach einer „Befreiung von Knechtschaft“, die seit Martin Luther (1483 – 1645) Motiv der westlichen Philosophierenden ist, stärker als der Blick auf die Konsequenzen, die sich aus einer »Überhöhung der Freiheit« ergeben. Angesichts der herrschenden Not in den Jahrhunderten autoritärer Gesellschaften ist das durchaus verständlich. Erstaunlich bleibt jedoch, dass die Idee einer »absoluten Freiheit des Willens« besonders lautstark in monarchisch oder extrem hierarchisch-autoritär organisierten Gesellschaften wie in England vertreten wird.

Doch Immanuel Kant, fast schon hinterlistig, fügte dem einen Satz weitere hinzu, mit denen er die Befreiung aller menschlichen Organisationen – von der Familie über Unternehmen bis hin zum Staat - von jeglicher Hierarchie (wörtlich: heilige Herrschaft) und Autorität begründen wollte:

„Der Wille befindet sich auf dem Scheideweg
zwischen seinem Prinzip a priori (dt.: vor jeder Erfahrung)
und seiner Triebfeder a posteriori (dt.: auf Erfahrungen beruhend).
Nur das, was nicht meiner Neigung entspricht,
sondern sie überwiegt,
kann Gegenstand der Achtung und damit ein Gebot sein.
Eine Handlung aus Pflicht ist getrennt von jeder Neigung
und damit von jedem Gegenstand des Willens,
sodass für den Willen nichts Materielles übrigbleibt,
was ihn bestimmen kann.“[2]

Er scheint auf den ersten Blick ein Paradox formuliert zu haben: Wenn einerseits im „Prinzip des Willens“ ein moralischer Wert enthalten sein soll, wie kann andererseits für den „Willen nichts Materielles übrigbleiben“? Die üblichen Einschätzungen hinsichtlich der Macht des Willens erhalten mit diesem Gedanken jedoch einen Dämpfer. Die Sprache davon, dass ich dieses oder jenes »will«, führt offenbar in die Irre, weil das, was ich in der Regel als meinen »Willen« auffasse, nur meinen Neigungen und Erwartungen entspricht, die Immanuel Kant als Basis des »Willens« negierte.

Der »Wille«, so sein wesentlicher Gedankengang, kann nur dann sein „Prinzip“ und damit eine Klarheit des Denkens erreichen, wenn er frei von allen „Neigungen“ ist, von denen er meist verblendet wird. Solange ich diesen oder jenen Dingen, Wünschen oder Ideen »anhänge«, ist der »Wille« nicht wirklich frei – und wird keinen „moralischen Wert“ hervorbringen:

„Nur das, was bloß als Grund,
niemals aber als Wirkung mit meinem Willen verknüpft ist,
was nicht meiner Neigung dient, sondern sie überwiegt,
kann Gegenstand der Achtung und damit Gebot sein.“[3]

Der „Gegenstand der Achtung“ und damit die »Würde eines jeden Menschen«, kann nur dasjenige sein, was jenseits aller „Neigungen“, individuellen Interessen und „Absichten“ liegt. Mit dem Adjektiv »bloß« hebt Immanuel Kant hervor, dass nur das einen moralischen Wert besitzt, welches einen »letztendlichen« Grund zum Erhalt des Lebens hat– etwas, wofür es keine Begründung mehr gibt. »Unbegründbares« aber ist prinzipiell »transzendent«, weil es jenseits aller Erfahrungen liegt. Anzumerken bleibt, dass es deshalb noch lange nichts »Göttliches« ist.

Für uns, die wir in einer von »individuellen Interessen« gelenkten Welt leben und seit früher Kindheit darin trainiert wurden, persönliche Interessen zu verfolgen, die in sozialen wie beruflichen Netzwerken ständig aufgefordert werden, sich darzustellen und dem Eigennutz zu frönen, sind diese Gedanken Immanuel Kants auch heute noch eine Provokation. Viele fragen sich denn auch empört: Inwiefern soll mein tägliches Handeln, mit dem ich meine Interessen verwirkliche, moralisch verwerflich sein? Es wehrt sich das überhöhte »ICH« wie ein kleiner Springteufel.

Wie wertlos Interessen für eine moralische Bewertung von Handlungen sind, können wir uns anhand extremer Beispiele vergegenwärtigen: Etwa an der Propaganda totalitärer Regime, die versuchen selbst Gräueltaten zu rechtfertigen - als ob das Verletzen oder Töten von Menschen je moralisch sein könnte. Auf der Basis von autoritär-totalitären Absichten und Interessen werden seit Jahrtausenden Minderheiten verfolgt und ermordet: Ob von christlichen Kreuzrittern, die millionenfach Muslime umbrachten; von verblendeten Dschihadisten, die Menschen anderen Glaubens enthaupten; von verwirrten Juden, die unschuldige muslimische Zivilisten in Gaza und im Westjordanland durch Bombenhagel ins Elend stürzen; sogar von Buddhisten wie in Myanmar, die die islamische Volksgruppe der Rohingya brutal von ihrer Heimat aufs Meer vertreiben. Dass die »Interessen« autoritär-totalitärer Gesellschaften moralisch unbrauchbar sind, fühlt jeder gesunde Mensch zweifelsohne, woraus im guten Sinne Karl Poppers folgt, dass die Analyse Immanuel Kants richtig ist.

Weil Religionen und andere Ideologien zu oft „intolerant“ gegenüber Andersgläubigen und Andersdenkenden waren und sind, weil sie für politische Zwecke missbraucht werden, erklärt der Dalai-Lama aus liebender Fürsorge für alle Menschen:

„Wir brauchen im 21. Jahrhundert
eine neue Ethik jenseits aller Religionen.
Ich spreche von einer säkularen Ethik,
die auch für über eine Milliarde Atheisten
und für zunehmend mehr Agnostiker hilfreich ist.“[4]

Wir brauchen eine Moral, die jenseits der üblichen Interessen, Neigungen und Absichten liegt und nicht von religiösen, ideologischen, ökonomischen oder sonstigen Traditionen abhängig ist, aufgrund derer Millionen Menschen leiden. Damit aber ergibt sich die entscheidende Frage: Wo können wir suchen, um eine säkulare Ethik zu finden?

Das zwar nicht im Detail, aber im Prinzip vorhersehend, erkannte Immanuel Kant, dass auf der Grundlage von „Absichten“ lediglich »autoritäre Pflichten« durchgesetzt werden: Ob mit der Gewalt eines Propheten oder Gottes, eines Diktators oder Präsidenten, stets mit der Absicht, das Leben anderer zu beherrschen, wenn nicht gar zu vernichten. Immanuel Kants Ziel war jedoch, eine philosophische Begründung für das allgegenwärtige Streben des Menschen nach Glück – ergo: nicht nach Gehorsam – zu finden. Insofern weist sein Denken in vielen Facetten weitere Parallelen zum buddhistischen auf:

„Eine Handlung aus Pflicht [zum Erhalt des Lebens]
muss den Einfluss der Neigungen,
und mit ihr den Gegenstand des Willens vollständig absondern.“[5]

Eine »pflichtgemäße Handlung« kann nur gelingen, wenn wir den „Gegenstand des Willens“ – unsere üblichen Interessen - überwinden, uns von allen empirischen Erfahrungen und darauf basierenden Erwartungen befreien. Mit diesem Schritt gelangte er zu der wichtigen Frage, die wir uns mit wachem Geist auch manchmal stellen:

Wie kann ein Grundsatz (eine Maxime) aussehen,
auf der eine universelle Moral möglich ist,
sodass alle Menschen auf diesem Planeten
friedlich und auskömmlich leben können?

Seine Suche nach einer »Maxime«, die die »Pflicht zum Erhalt eines glücklichen Lebens« jenseits des Göttlichen und jenseits aller Erfahrungen begründen sollte, war für ihn höchstwahrscheinlich ein intensiver, meditativer Prozess, weil dazu das Denken und Fühlen die Grenzen der Erfahrungen überschreiten muss. Wir werden einen Raum des Metaphysischen betreten müssen und gleichzeitig aufpassen, nicht in die Grube des Glaubens an ein göttliches Jenseits oder eines diesseitigen Reichtums zu fallen.

Es ist wohl gerechtfertigt zu behaupten, dass sein Denken während einer mehrjährigen Meditation hauptsächlich um drei Begriffe kreiste: der »Pflicht zum Erhalt des Lebens«, dann jener »Maxime«, die dies begründen sollte, und der »reinen Vernunft«, um hieran metaphysisch eine »universelle Moral« verankern zu können. Über die »reine Vernunft« dachte er viele Jahre nach , woraufhin er in höchst komplexer Sprache schrieb:

„Pflicht als Pflicht [zum Erhalt des Lebens]
existiert vor aller Erfahrung
in der Idee einer
den Willen
durch Gründe a priori bestimmenden Vernunft.“[6]

Es scheint ein verworrener Satz zu sein, dessen Bedeutung erfasst werden kann, wenn jedes Wort einzeln im Geist beleuchtet wird: Eine „a priori“ (dt.: vor jeder Erfahrung) und insofern metaphysische (dt.: über dem Physischen stehende) „bestimmende Vernunft“ leitet unseren „Willen“ durch letzte „Gründe“. Mit diesem Willen können wir freudig und pflichtgemäß das Leben beschützen und bewahren.

Dem Dreiklang „Pflicht“, „Maxime“ und „Vernunft“ fügte er den Begriff „Wille“ zu, der, wie Hannah Arendt in ihrer Untersuchung über das geistige Vermögen des »Willens« feststellte, in der Philosophiegeschichte vor Immanuel Kant nur selten verwendet worden war:

„Ein Grund für diese Schwierigkeiten ist ganz einfach: Das Vermögen des Willens war der griechischen Antike unbekannt und wurde erst aufgrund von Erfahrungen entdeckt, über die es bis zum ersten christlichen Jahrhundert so gut wie keine Zeugnisse gibt. Für die nächsten Jahrhunderte bestand das Problem darin, dieses Vermögen mit den Auffassungen der griechischen Philosophie in Einklang zu bringen. Auch das Ende des christlichen Zeitalters [ca. 1600] bedeutete keineswegs das Ende dieser Schwierigkeiten. Die hauptsächliche, rein christliche Schwierigkeit, nämlich wie sich der Glaube an einen allmächtigen und allwissenden Gott mit dem Willen vereinbaren lasse, bleibt in verschiedenen Formen bis tief in die Neuzeit erhalten...Das extremste Beispiel hierfür ist Friedrich Nietzsche, der davon spricht, die gesamte Lehre vom Willen sei die folgenschwerste Fälschung, die sich bisher in der Psychologie ereignet habe; sie sei hauptsächlich deshalb erfunden worden, um strafen zu können.“[7]

Immanuel Kant schenkte dem Begriff »Wille« erstmalig in der Neuzeit die notwendige Aufmerksamkeit und begründete damit im eigentlichen Sinne des Wortes die »Philosophie der Aufklärung«, die dem Menschen das geistige Vermögen zurückgibt, sich selbst aus der Gefangenschaft des Leids durch »Denken« und »Wollen« befreien zu können.
Schauen wir genauer hin, was Immanuel Kant über den »Willen« schrieb, zeigt sich ein eklatanter Widerspruch zum heutigen, übersteigerten Verständnis westlicher Gesellschaften:

„Unser eigener Wille,
sofern er nur unter der Bedingung
einer durch seine Maximen möglichen
allgemeinen Gesetzgebung handeln würde,
ist der eigentliche Gegenstand der Achtung....
Die Würde des Menschen besteht in der Fähigkeit,
den Maximen unter der Rahmenbedingung zu folgen,
dass jeder sich dem gleichen Gesetz unterwirft.“[8]

Seine Botschaft wird klar, sobald wir erneut jedes Wort einzeln in den Geist aufnehmen: Sofern der „Wille“ unter der Bedingung einer noch näher zu bestimmenden „Maxime“ agiert, gelangen wir zu Handlungen, die die „Würde des Menschen“ beschützen.

Der Kant’sche »freie Wille« ist folglich kein Freibrief für eine auf irgendein Ziel gerichtete Handlung, die nur einzelnen Interessen dienen kann, sondern Mittel und Motiv eines mitfühlenden und verantwortlichen Handelns. Mit dieser Weisheit über den »Willen« schränkte er die vielgerühmte »Freiheit des Willens« von Beginn an drastisch ein.

Angelsächsische »Liberale« akzeptieren diese Sichtweise bis heute nicht, da sie die »Freiheit des Willens« weit über die »Würde eines jeden Menschen« stellen. Es besteht bis heute ein sehr grundsätzlicher Disput hierüber, mit dem manche in alttestamentarischer Manier die Todesstrafe zu rechtfertigen versuchen: Schließlich sei der Wille zur Rache stärker als die Pflicht, das Leben zu bewahren. Doch würden wir dem Prinzip „Auge, um Auge“ folgen, wären wir schon bald alle blind.

Um seine lebensbejahende Einsicht zu betonen, formulierte Immanuel Kant seine Thesen aus verschiedenen Perspektiven:

„Das Prinzip der Autonomie und der Freiheit des Willens
ist nichts Anderes auszuwählen,
als die Maxime so anzuwenden,
dass in demselben Wollen zugleich
ein allgemeines Gesetz begriffen werden kann.“[9]

Weil wir den Gegenstand des »Willens« aufgeben müssen, um den »Willen« zu verwirklichen, ist ein »Wollen« so beschaffen, dass wir darin ein allgemeines Gesetz des Lebens finden. Der »Wille« ist dann frei, wenn jeder Mensch seine eigenen Entscheidungen freiwillig und freudig auf sich selbst anwendet.

Erneut ist die Konsequenz seines Gedanken radikal, ja revolutionär: Nur ein »relativ freier Wille« kann so handeln, dass „in demselben Wollen ein allgemeines Gesetz begriffen“ wird, dem jeder und jede Einzelne in allen Lebenssituationen freudig folgen. Die »Relativität der Freiheit« besteht darin, dass ich eine »Willensentscheidungen«, die ich mit Blick auf andere getroffen habe, selbst dann freudig umsetze, wenn ich davon betroffen wäre. Treffe ich Entscheidungen, dann können diese nur dann als »frei« und »moralisch« bezeichnet werden, wenn ich sie auch für mich in jeder Lebenssituation akzeptiere.

Wenn also jemand - entsprechend der liberalen Idee einer »absoluten Freiheit« - sich alles nimmt, was ihm oder ihr beliebt, den eigenen Willen durchsetzt und die individuellen Interessen ohne Rücksicht auf andere verwirklicht, wodurch diese leiden, kann mit einem solchen »Wollen« kein „allgemeines Gesetz“ begründet werden, weil niemand freiwillig leidet. Todesurteile sind unmoralisch, weil niemand freiwillig sterben will. Deshalb ist die Rede von der »absoluten Freiheit oder der Autonomie des Willens« lediglich eine Fata Morgana, die Wenige den Vielen einreden.

In Anlehnung an Rosa Luxemburgs berühmten Ausspruch würde Immanuel Kant den liberalen Verfechtern der »absoluten Freiheit« zurufen:

Die eigene Freiheit und das eigene Glück
sind immer nur die Freiheit und das Glück der anderen!
Absolute Freiheit ist keine ausreichende Bedingung,
um glücklich leben zu können!

Diese Weisheit erläuterte er an vielfältigen Beispielen, wie jener viel zitierten Frage:

„Darf ich, wenn ich im Gedränge bin,
ein Versprechen mit der Absicht geben,
es nicht einzuhalten?“ [10]

Um diese Frage sinnvoll zu beantworten, müssen wir die Frage stellen:

„Würde ich wohl damit zufrieden sein,
wenn meine Maxime
– mich durch ein unwahres Versprechen aus der Verlegenheit zu ziehen –
ein allgemeines Gesetz wäre,
das sowohl für mich als auch für andere gälte?“[11]

Die Frage besteht darin, ob ein „allgemeines Gesetz“ ableitbar wäre, nachdem jeder und jede Einzelne andere belügen dürfte? Schon nach wenigen Überlegungen wird klar: Lügen kann keine »Maxime« sein, weil in einer Welt der Lügen alle Menschen das verlieren, worauf sie sich verlassen müssen, um zu überleben: Vertrauen. So kommt Immanuel Kant wie wir zu dem Schluss: Ein allgemeines Gesetz: „Du sollst lügen!“ ist unmöglich, weil:

„Nach einem allgemeinen Gesetz der Lüge
würde es gar keine Versprechen mehr geben,
sodass diese Maxime, sobald sie Gesetz würde,
sich selbst zerstören würde.“[12]

An dieser Stelle aber endet in der Regel die Interpretation der Kant’schen Moralphilosophie in der Sekundärliteratur, da sie vermutlich der „Neigung“ entspricht, dem christlichen »Achten Gebot« zu folgen. Doch um die Kant’sche Philosophie vollständig zu begreifen, muss auch die folgende Frage untersucht werden:

Kann es moralisch gerechtfertigt sein,
einen potenziell Mordenden zu belügen,
wenn er oder sie mich nach dem Aufenthaltsort
eines zu Ermordenden fragen würde?

Das Szenario war und ist Praxis in totalitär agierenden Staaten, wenn Geheimdienste vermeintliche Feinde eines Landes verhaften, foltern oder ermorden wollen und dazu unbescholtene Menschen befragen, die nichts zu verbergen haben.

Die landläufige und alttestamentarisch geprägte Interpretation des »Kategorischen Imperativs«, dass jede Lüge grundsätzlich unmoralisch sei, hilft bei dieser Frage aber nicht weiter, weil die oberste »Maxime des Lebens« - die Immanuel Kant sowie andere Denkende vor und nach ihm erkannten - nicht das „Vermeiden von Lügen“, sondern die »Pflicht zum Erhalt des Lebens« ist. Würde durch eine Wahrheit das Leben einer Person beschädigt, könnte die „Pflicht, das Leben zu bewahren“ nicht verwirklicht werden. Das aber wäre ein Verstoß gegen die wichtigste Maxime: »das Leben selbst«.

Dies intuitiv wissend, stellen sich jedem gesunden Menschen die Fragen: Soll ich tatsächlich nicht lügen und damit das Leben eines Menschen in Gefahr bringen, nur um das Prinzip Nicht-Lügen aufrechtzuerhalten? Kann das Aussprechen einer Wahrheit in gewissen Fällen unmoralisch sein? Ist Wahrheit überhaupt ein absolut schützenswertes Gut oder ist sie nur ein relativer Wert, abhängig von höchst komplexen Umständen? Auch der Verweis, dass niemand angelogen werden will, löst das Dilemma des »Achten Gebots« nicht auf, weil der Wunsch zwar für den potenziellen Mörder gelten mag, aber zugleich im Widerspruch zu den Interessen eines potenziell zu Ermordenden steht, der oder die auf jeden Fall weiterleben will.

Daher sträubt sich richtigerweise jede menschliche Regung gegen die zu einfache, alttestamentarisch inspirierte Interpretation des »Kategorischen Imperativs«, immer die Wahrheit sagen zu sollen, selbst wenn dadurch Menschen in Gefahr geraten. Die »Zehn Gebote« sind eben keine »bloßen«, nicht mehr begründbaren Gründe für moralische Werte, weshalb die meisten Menschen spontan oder nach nur wenigen Überlegungen zustimmen:

Es ist [meine oberste] Pflicht,
das Leben zu beschützen.

Diese »Maxime«, so Immanuel Kant, hat die höchste Priorität vor allen anderen Regeln – wie etwa den »Zehn buddhistischen Regeln zur Vermeidung schädigender Handlungen« - weil sie einen letzten, »bloßen« Grund darstellt, der nicht mehr begründbar ist. Daraus folgt die freudige Konsequenz:

Ja, ich muss das Leben bedingungslos beschützen,
auch wenn dazu eine Lüge erforderlich ist!

Für diejenigen, die mit den Schriften Immanuel Kants vertraut sind, ist diese Interpretation sicherlich schwer anzunehmen, weil fast in der gesamten Sekundärliteratur nur die oberflächliche, alttestamentarische Interpretation vertreten wird - was erneut bezeugt, wie sehr alte Schriften unser Denken beeinflussen. Doch damit wird das eigentliche, von Immanuel Kant zum obersten Prinzip erhobene Maxim »Der Zweck des Lebens an sich« verschwiegen. Bedenken wir den »Selbstzweck des Lebens«, ist nur das erlaubt, was das Leben beschützt – selbst wenn dafür eine Lüge erforderlich ist.

Die Entscheidung, das Leben anderer zu beschützen, auch wenn das eigene durch die Gewaltandrohung eines autoritär-totalitären Staates bei einer Befragung durch rücksichtlose Geheimdienste in Gefahr geraten kann, fällt vielen Menschen schwer. Nur bei wenigen, die keiner Gewalt nachgeben würden, regt sich die Gretchenfrage: Kann es wirklich richtig sein, dass ich das Leben eines anderen gefährde, nur um meines zu schützen?

Die Antwort auf diese Frage ist ein klares und lautes: „Nein!“ Doch die damit verbundene Last ist extrem schwer zu tragen, da dies eine enorme Zivilcourage und eine übermenschliche Liebe erfordert. Geisteszustände, die befähigen, sich mit dem eigenen Leben gegen Gewalt zu stellen, um das Leben anderer zu beschützen, gehören (noch) nicht zu unseren Gewohnheiten. Das kann uns zwar betrüben, aber auch Ansporn zur Veränderung sein - weshalb Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, der Dalai-Lama und viele andere Menschen, die den »Geist der Gewaltlosigkeit« leben, für uns Vorbilder bleiben.

[1] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 26
[2] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 27
[3] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 27/28
[4] Friedensappell des Dalai Lama 2015; siehe unter www.dharma-university-press.org
[
5] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 26
[6] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 36
[7] Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, S. 246
[8] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 76
[9] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 77
[10] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 29
[11] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 29

 

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