Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 4: Aufklärung und Tradition

Lebenskreise (Band 2) - Geist und Glück, Kapitel 4: Aufklärung und Tradition

von Hans Korfmacher

Denken wir intensiv über die Möglichkeiten »richtigen« Handelns nach, die als Maßstäbe sinnvoll wären, verdichten dazu philosophische Ideen sowie unsere Lebenserfahrungen, scheint es, als stünden nur zwei grundlegende Modi zum Leben mit anderen zur Verfügung:

Zum einen können wir uns in den großen Strom der Konventionen stürzen – Familie, beruflicher Stand, soziale Gruppe – ohne zu überprüfen oder zu hinterfragen, ob diese oder jene Handlung als »gut« oder »schlecht« zu bewerten wäre. In diesem Modus folgen wir unbewusst den Regeln einer Gruppe, die wir als soziale Schicht, Klasse oder Kaste, Peergroup oder Gemeinschaft achten. Von solchen Regeln nehmen wir an, dass sie sozial, ökonomisch, politisch, religiös, spirituell oder emotional sinnvoll begründbare Handlungen ermöglichen, weshalb jeder und jede Einzelne sich mit dem Befolgen entsprechender Regeln im Recht und subjektiv wohl fühlt.

Solche Weltanschauungen entspringen den Erfahrungen der Vorfahren, weshalb wir, die heute in Europa leben, diese Weltsichten als traditionell oder vormodern bezeichnen: Sie entspricht einer Lebenswelt, in der der älteste Sohn den Hof erbt, die Töchter verheiratet werden und den Nachwuchs gebären; in der die Reichen Gesellschaften bestimmen, Priester, Rabbis oder Imame die höchsten moralischen Autoritäten darstellen; in der die Armen die Produktion aufrecht erhalten, doch nur so viel abbekommen, dass sie so gerade eben nicht sterben; oder in der die Wissenschaften die unangefochtene Autorität zur objektiven Wahrheitsfindung für sich vereinnahmen und alles erlauben, solange es nach ihren Kriterien nicht schädigend wirkt. Ein Grundsatz, den beispielsweise die Vertretenden der Regierung der USA in den Verhandlungen zum transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP gebetsmühlenartig vortragen: Sie preisen ein auf Wissenschaft gründendes (engl.: „science evidence based“) Lebensmodell an, obwohl es nur einer Konvention entspricht. Damit soll eine Welt vermeintlich klarer Ordnung entstehen, die allerdings aufgrund der »Unmöglichkeit zur Objektivität« tatsächlich nur eine Welt tradierter Meinungen ist, weil:

„Die Objektivität ist nicht die Wirklichkeit.
Sie ist nur eine Möglichkeit, die Wirklichkeit zu verstehen.“[1]

Tradierte Meinungen werden jedoch nur selten hinterfragt, weil dieses oder jenes schon immer so gemacht oder entschieden wurde. Eine auf Konventionen ruhende Lebenshaltung kommentierte Georg W.F. Hegel denn auch mit dem Statement:

„In einer Welt der Traditionen
wird ein Individuum als Person (dt.: Maske) bezeichnet,
was Ausdruck einer Verachtung ist.“ [2]

Heutzutage sehnen sich vor allem Nationalkonservative nach einfachen Lebensentwürfen. Sie hängen den viel beschworenen Werten des Abendlandes an, verklären die Vormoderne romantisch als sicher und wertvoll – besonders die Romantik des 19. Jahrhunderts. „Die Welt von gestern“[3] wird glorifiziert, und manche bauen wieder Schlösser in Berlin – ohne darüber nachzudenken, wieviel Leid und Schrecken die Herrschenden früherer Zeiten verbreitet hatten. Sie verdrängen, dass Menschen bis in die Neuzeit im Blut der Kreuz- und Territorial-Kriege ertranken, vielfältige Qualen feudaler oder frühkapitalistischer Lehns- und Kinderarbeit erlitten, autoritären Gewalttätigkeiten von Kaisern oder Fabrikbesitzern ausgeliefert waren und an zu vielen Krankheiten wie Pest, Cholera, Typhus oder Schwindsucht verreckten, die im Wesentlichen - wie Ebola und AIDS heute - Krankheiten der Armen sind.

Selbst die britische »Magna Charta« wird im Begeisterungsrausch der Traditionen als Dokument der Demokratie gefeiert. Doch die Menschen in England hatten nach den dort festgelegten Regeln weder ein Recht zum Reden noch durften sie irgendetwas entscheiden, weshalb aufgeklärte Geschichtsforschende nüchtern feststellen:

„Die Charta von 1215 ist nicht viel mehr
als eine Veste des Feudalismus gewesen.“[4]

Nein, wir wollen unseren Kaiser nicht wiederhaben und die Reiterbilder in Koblenz, Köln und anderen Städten sollten für Sinnvolles eingeschmolzen werden. Im neuen Schloss zu Berlin sollten die Trümmer der Kriege und keine kolonialistische Beutekunst gezeigt werden, die wir Afrika und anderen Regionen raubten. Wir, die Europäer und Europäerinnen, sollten stattdessen die immer noch existierenden Königshäuser Europas endlich abschaffen und die viel zu lange Periode der Monarchien beenden. Auch in dieser Hinsicht können wir von den Tibetern noch einiges lernen.

Dem Modus der Vormoderne mit ihren traditionellen Lebensweisen steht der Lebensmodus des europäischen Prinzips der »Vorsorge« entgegen. Das Wohl der Menschen, das „gute Leben“, wie Immanuel Kant es nannte, steht im Zentrum dieser Lebenshaltung. Sie erlaubt nur das, was nachgewiesenermaßen niemandem schädigt, weshalb beispielsweise Gentechnik in der europäischen Landwirtschaft weitgehend verboten ist - wogegen Lobbyisten der Agroindustrie seit Jahren Sturm laufen. Taucht etwa ein Verdacht auf, dass eine Chemikalie schwere Krankheiten auslösen könnte, wird sie verboten, auch wenn kein eindeutig kausaler Zusammenhang zu Krankheiten feststellbar ist. Sichtbar ist ein gravierender Unterschied zwischen der amerikanischen und britischen Lebenshaltung einerseits sowie der kontinentaleuropäischen Gesellschaften andererseits – weshalb sich hierzulande so viele gegen TTIP wehren.
Die europäische Lebenshaltung entspricht dem Modus eines »aufgeklärten« Lebensstils, philosophisch initiiert vor allem durch David Hume (1711 – 1776) und Immanuel Kant (1724 – 1804). Die Mitglieder einer Gemeinschaft, die wir Staat oder Gesellschaft nennen, verständigen sich mit Hilfe von gewählten Frauen und Männern über Gesetze und deren Umsetzung. Sie sind zwar keine Rechtsexperten oder Rechtsexpertinnen, dafür aber Teil der Gesellschaft, sodass sie die Bedürfnisse der Menschen in die Sprache der Gesetze angemessen übertragen können, der sich anschließend alle „freiwillig unterwerfen“ .[5]

Die »Stimme des Volkes« ist in diesem Gesellschaftsmodell bedeutsamer als die einer kleinen »Elite«. Nur wenn, wie in den USA, die Mehrheit der Volksvertretenden Millionäre sind, die das Volk und ihre Bedürfnisse nicht oder kaum mehr kennen oder um des Profit Willens ignorieren, hört Demokratie tatsächlich auf zu existieren. Die dritte »Aufklärungswelle« der Menschheit zeigt die heilsame Richtung für längst überfällige Veränderungen im Zusammenleben auf unserem Planeten an: Gesetze, Regeln und Normen können sinnvollerweise nur aus »Achtung« der Menschen voreinander in einem demokratischen Prozess, der einem Diskurs entspringt, entwickelt und vereinbart werden. Das Ziel stets klar vor Augen: Die Befreiung vom Leid für alle Menschen.

Damit stellt sich zwangsläufig auch die Aufgabe, die Fehler der Vergangenheit anzuschauen und den Versuch zu unternehmen, sie zu korrigieren: Beispielsweise die des früheren kirchlichen oder weltlichen Adels, die Ländereien und andere Reichtümer durch Raub und allerlei Betrug angehäuft haben. Der Besitz heutiger Adelsfamilien und Kirchen kann nicht auf Dauer ihr Eigentum bleiben, da sie – wenn auch nachträglich durch Verträge legalisiert - ihre Reichtümer mit kriminellen Mitteln ergattert haben. Oder wollen wir Bankräubern, die nicht erwischt wurden, ein aktuelles Vermögen zugestehen, selbst wenn wir nach fünfzig Jahren erführen, was die Basis des Wohlstands war?

Damit stellt sich die hochsensible Frage: Wie kann in den USA, Zentral- und Südamerika oder Australien überhaupt von Besitz gesprochen werden, da die europäischen Siedelnden vor mehreren hundert Jahren sich das Land der damaligen Ureinwohnenden unrechtmäßig angeeignet hatten? [6] Diese Frage weist auf ein grundlegendes Gerechtigkeitsdilemma hin. Kann es gerecht sein, einen heutigen Dieb zu bestrafen und denjenigen, der vor 200 Jahren Ländereien stahl, als angesehene Person betrachten?

Doch »Gerechtigkeit« kann kein zeitloses Gut sein, das nach aktuellen Moden oder Meinungstrends mal stärker oder schwächer berücksichtigt werden soll? Dürfen Raubritter aller Zeiten ihren Besitz einfach behalten? Kommt es immer nur auf die Verjährung an? Auch die immer noch nicht erfolgte Rückgabe von Unternehmen, Kunst und anderen Wertgegenständen an ehemalige jüdische Besitzende in Deutschland erschüttert den Begriff »Eigentum« in den Grundmauern unseres Gemeinwesens. Muss BMW verstaatlicht werden, da das Vermögen der besitzenden Familie durch Nazi-Raub geschaffen wurde?

Der Ausweg aus dem Gerechtigkeit-Dilemma historischer »Ungerechtigkeiten versus Gerechtigkeit« scheint letztlich nur die Option zu sein, dass Besitztümer nie jemandem gehören, sondern lediglich für eine gewisse Zeit geliehen werden. Letztlich haben wir die Erde auch nur von zukünftigen Generationen geborgt. Doch dieser gedankliche Ansatz wird jedes überhöhte ICH erschüttern. Jedes ICH wird unbändig wie ein kleines Kind rufen: „Das hier ist aber MEINS!“

Diese Fragen konkret und im Einzelfall zu behandeln, erfordert ein sehr umfassendes Wissen und auch eine Berücksichtigung der Lebensumstände heutiger Generationen. Anhand dieser Fragen und Gedanken können wir aber sofort lernen: Die beiden wichtigen Grundsätze des Lebens: »die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen« sowie »die Gleichwertigkeit aller Menschen« sind notwendig Bedingungen für alle Formen humanen Zusammenlebens. Erst sie schenken uns die Möglichkeit zu einem glücklichen Leben. Ob in Familien oder Vereinen, Unternehmen und anderen privaten Organisationen, Staaten und überstaatlichen Verbünden auf kontinentaler oder globaler Ebene. Kein einzelner Mensch, keine Gruppe oder Gesellschaft können je wichtiger oder höherwertiger sein als andere – weder in der Vergangenheit, in der Gegenwart noch in der Zukunft. Insofern ist beispielsweise die Frage nach dem Umgang mit Menschen, die vor Kriegen flüchten eine, die die » Würde eines jeden Menschen« tangiert. Diese Würde ist grundsätzlich unteilbar und unantastbar – eine Lehre aus dem Holocaust.

Schauen wir philosophisch genauer hin, werden zwei historisch unterschiedliche Strömungen der dritten, neuzeitlichen »Aufklärungswelle« sichtbar: Zum einen erklärte David Hume die Empirie zum Maß aller Dinge und initiierte damit dessen prägendsten Ast, den wir als Naturwissenschaften kennen. Zur Begründung schrieb er:

„Wenn ein bestimmtes Ereignis stets und in allen Fällen
mit einem anderen verbunden ist,
so haben wir keine Bedenken,
dass eine beim Auftreten des anderen vorauszusagen.
Wir nennen dann den einen Gegenstand Ursache
und den anderen Wirkung,
und wir nehmen an,
dass ein Zusammenhang zwischen beiden bestünde.“[7]

Mit Hilfe der Beobachtung - so David Humes Idee, die der Empirismus vorträgt - sollte eine »objektivierbare« Welt entstehen, in der Phänomene »an sich« existieren. Staunend steht die Menschheit folglich seit 200 Jahren vor den Errungenschaften der Physik, Chemie, Biologie und entsprechender Technologien - und glaubt an die »Autonomie der Objekte«.
Doch so langsam erreicht uns die Weisheit, dass die vermeintlich »objektive« Welt nur eine grandiose Illusion darstellt, die wir selbst erschufen. Läsen wir David Humes Schriften vollständig, wüssten wir, dass er auf die Illusionen schon hingewiesen hatte – obwohl die heutigen Naturwissenschaften das vehement bestreiten. Klarsichtig schrieb er:

„Es scheint die Vorstellung eines
notwendigen Zusammenhangs von Ereignissen
ihren Ursprung in einer Anzahl ähnlicher Fälle
der konstanten Verbindung dieser Ereignisse zu haben.
Doch bei der Wiederholung ähnlicher Fälle [Experimente]
wird der Geist aus Gewohnheit dazu geführt,
beim Auftreten des einen Ereignisses
dessen übliche Begleiterscheinungen zu erwarten
und an deren Vorhandensein zu glauben.“[8]

Beginnen wir ein Phänomen mit einer bestimmten „Theorie“ im Geist zu betrachten – beispielsweise mit Hilfe mathematischer Analysen – reproduzieren wir unausweichlich die angenommene „Theorie“ in den Experimenten sowie den Dingen, die wir damit erschaffen. Wir glauben, dass sie Wirklichkeit seien. Das erkennend inspirierte Hannah Arendt zu der Weisheit:

„Dem Jubel über die Wissenschaft
wird der Verdacht auf dem Fuße folgen,
dass diese mathematisch vorausgesagten Universen
lediglich Traumwelten sein könnten,
in denen jede Traumvision,
die der Mensch so oder anders konstruiert,
sich als Wirklichkeit bewährt,
solange der Traum währt.“[9]

David Humes und Hannah Arendts kritische Blicke auf die Gewöhnung unseres Geistes an die Konstruktionen unserer Welt sind bei hochkomplexen Ursachen-Wirkungen-Beziehungsnetzwerken besonders zu beachten, etwa bei der Erforschung von Klimaveränderungen oder Krankheiten. Die Naturwissenschaften sind sicher hilfreich, einen kleinen Lichtkegel in die dunkle Höhle des Lebens zu bringen. Doch sollten wir uns davor hüten, den kleinen sichtbaren Ausschnitt als Wirklichkeit zu betrachten, weil Projektionen stets andere Bilder hervorbringen als die Originale. Das beschrieb der Psychologe und Philosoph Viktor Frankl (1905 – 1997) an folgendem Beispiel:

„Projiziere ich einen Zylinder
aus dem dreidimensionalen Raum
in die zweidimensionale Ebene des Seitenrisses,
entsteht ein Rechteck.
Analog ergibt sich:
Die Projektion des Menschen in die biologische Ebene
erzeugt somatische Phänomene,
während die Projektion in die psychologische Ebene
psychische [geistige] Phänomene zeigt.“[10]

Die Konsequenz aus dieser philosophischen Analyse ist gravierend: Die Erforschung des Lebens beginnt mit dem Blick nach Innen - der Untersuchung des Geistes.

Selbst Karl Popper (1902 – 1994), der als der führende Wissenschaftstheoretiker unserer Gesellschaft und als glühender Anhänger David Humes gilt, beschrieb mit seinem „Drei-Welten-Modell“, dass die Welt viel mehr als eine »objektivierbare« ist. Er unterstrich David Humes Überlegungen, dass man aus formallogischen Gründen kein allgemeines Gesetz aus Einzelfällen ableiten kann (Induktionsproblem) . Deshalb können mit Experimente an oder mit lebenden Wesen grundsätzlich keine allgemeinen Schlussfolgerungen und Theorien hergeleitet werden. In der so genannten Lebenswissenschaft (engl: life science) – hierzu gehören Medizin, Biologie, Pharmazie, Biochemie, Biophysik, Psychologie, Anthropologie, alle Sozial- und Geisteswissenschaften usw. - kann daher stets nur ein rein individueller Fall untersucht werden, weil jedes Lebewesen – ob Pflanze, Maus, Affe oder Mensch - einzigartig ist. Mit Experimenten an Lebewesen können maximal allgemeingültige Sätze widerlegt werden.

Selbst der Versuch, aus Einzelfällen Wahrscheinlichkeiten von Theorien abzuleiten, hielt Karl Popper für verfehlt und lieferte entsprechende mathematische und philosophische Argumente. Stets bezog er sich auf David Hume, der mit kritischem Blick feststellte:

„Aller Glaube an Tatsachen oder wirkliche Existenz
stammt lediglich von einem dem Gedächtnis oder den Sinnen
gegenwärtigen Gegenstand und einer gewohnheitsmäßigen Verbindung
zwischen diesem und irgendeinem anderen Gegenstand.“[11]

Mit diesem Gedanken unterstrich er, der als „Vater der Empirie“ in aller Welt heute verehrt wird, wie Albert Einstein die große Bedeutung der bereits im Geist vorhandenen „Theorien“. Während er aber scheinbar hilflos die „Gewohnheit als die große Führerin im Menschenleben“ verteidigte, schloss Thomas Nagel mit scharfer Konsequenz:

„Die Welt wird aus vielen Perspektiven gesehen;
es gibt in ihr zahllose Subjekte des Bewusstseins,
weshalb eine angemessene zentrumlose Auffassung der Welt
sie alle einschließen muss.“[12]

David Humes Empirismus wurde angesichts der daraus entstandenen und wirtschaftlich potenten technologischen Entwicklungen gründlich missverstanden. Die heutigen Naturwissenschaften sind denn auch aufgrund des technologischen Fortschrittes mit Hilfe des »liberalen Denkens« in die Vormoderne abgeglitten. Mit dem heutigen Wissenschaftsverständnis unternehmen wir daher den hilflosen Versuch, jede Handlung im Hinblick auf ihre Wirkungen bewerten zu wollen.

Der Wusch nach Bewertung impliziert aber die Annahme, dass beobachtbare Phänomene »Eigenexistenz« besitzen. Mit diesem Gedankenmodus fragen wir voller ernst: Ist dieses richtig oder vielleicht doch jenes? So wägen wir in utilitaristischer Denkweise beispielsweise ab, ob der Tod von dreihundert Passagieren eines Flugzeugs nicht besser wäre, als der durch Terroristen herbeigeführte Absturz auf eine Atomanlage, wodurch Millionen Menschen verstrahlt werden könnten. Mit einer Empirie, die alles für bare Münze hält, verknüpft mit der auf einen »Nutzen« (engl.: utility) ausgerichteten Lebenshaltung und der »liberalen« Illusion eines »freien Willen«, halten wir uns seit gut zweihundert Jahren selbst gefangen – und nennen es auch noch »Freiheit«.

Doch je intensiver wir die »empirische« Kontrolle mit einem angeblich »freien Willen« um der »Freiheit« willen betreiben, desto mehr verlieren wir das Leben selbst. Weil mit jeder auf einen »Nutzen« zugerichteten Lebenshaltung schwindet das Vertrauen in „das Verweilen unter den Menschen“, wie die alten Griechen das Leben nannten. Schleichend geraten wir damit in den Sog eines Kontrollwahns, sichtbar unter anderem daran, dass wir bei jedem Flug am liebsten selbst am Steuerknüppel eines Flugzeuges sitzen würden oder jeden Schritt unserer Kinder wissen, planen und ihnen die elektronische Hundeleine anlegen wollen. Gesteigert wird der Kontrollwahn mit den neuesten Ideen, mit Hilfe von Minikameras das gesamt Leben - jeden Menschen, jedes Gespräch, jede Lebenssituation – datentechnisch zu speichern. Nein, mit dem Dreiklang »Empirie«, »freier Willen« und »Nutzen« ist Vertrauen schlichtweg nicht möglich.

Nach dem gezielten Absturz eines Flugzeugs durch einen Co-Piloten feiern wir gar die Idee, dass Lotsen Flugzeuge fernsteuern sollen. Bis »Big Data« uns vollständig kontrolliert und wir zu Marionetten einer Internet- und Roboterwirtschaft werden, die eine kleine »Elite« profitorientiert organisiert, während die Mehrheit prekär Pakete ausliefert. George Orwell würde sich heutzutage die Augen reiben und uns zu rufen: „Habt ihr denn von meinem Roman 1984 wirklich nichts verstanden?“[13]

Alle autoritären Herrschaftssysteme, ob heute oder in der Vergangenheit, waren und sind für ihre Herrschaft auf umfassende Informationen über ihre vermeintlich minderwertigen Untertanen angewiesen, um sie gezielt kontrollieren und manipulieren zu können. Deshalb sind Geheimdienste so alt wie Herrschaftssysteme. Solange sie existieren, haben wir »Demokratie« nicht verwirklicht. Ob Verfassungsschutz oder NSA, BND oder CIA : Überwachungsorganisationen aller Couleur sind mit den Grundsätzen »demokratischer Rechtsordnungen« nicht vereinbar.

Je mehr Daten über uns gespeichert, analysiert oder verkauft werden – egal ob staatlich oder privat organisiert – desto größer wird die Gefahr, dass wir - wie einst während der »Renaissance des Feudalismus« im Mittelalter oder während der »Restauration der Königs- und Fürstenhäuser« im 19. Jahrhundert - zu Marionetten kleiner Gruppen werden, die unsere geistigen Wechselwirkungen ausspähen und zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Deshalb bleiben das »Postgeheimnis« sowie die »informationelle Selbstbestimmung« hohe praktischen Güter humanen Zusammenlebens, da sie auf der »Gleichwertigkeit aller Menschen« fußen. Der umsichtige Umgang jedes und jeder Einzelnen mit den eigenen Daten im Netz ist folglich für die Humanität jeder Gesellschaft bedeutsam – jedoch nicht, weil wir etwas zu verbergen hätten.

Noch verzweifelt in der Zwickmühle zwischen »Kontrollwahn« und vermeintlich »unbegrenzter Netzfreiheit« sitzend, fragen viele: „Wie sonst als durch gesammelte Informationen sollen wir uns denn vor den Gefahren eines kaum greifbaren Terrorismus schützen?“ Der einfältige Tor ruft unterdessen unverdrossen: „Wir brauchen die Speicherung aller Verbindungsdaten im Netz auch ohne konkreten Anlass!“ Er kann nicht verstehen, dass durch Überwachung und Rasterfahndung die »Würde eines jeden Menschen« gravierend beschädigt wird.

Der innere Zwist zwischen der Sehnsucht nach Sicherheit und der Möglichkeit eines würdevollen Lebens lässt uns in einem scheinbaren Dilemma zurück: Ja, wir wollen das Leben schützen und die Risiken - soweit es geht - minimieren. Aber wollen wir die Risiken soweit kontrollieren, bis wir selbst keine Handlungsfreiheit mehr besitzen? Wollen wir nur noch den Spurrillen einer Datenautobahn folgen, die andere für uns bauen und kontrollieren? Sind NSA, Google, SAP und ähnliche Giganten nicht längst zu George Orwells „Big Brothers“ geworden? Kontrollieren und manipulieren sie nicht täglich unser Denken und Fühlen zu Hause oder in Arbeitsprozessen?

Im Angesicht von Terroranschlägen – ob in New York (2001), Madrid (2003) oder Paris (2015) – wird der panische Ruf nach Überwachung immer lauter. Den Rufenden sei jedoch in aller Ruhe gesagt:
 Frankreich hat seit Jahren die strengsten Sicherheitsgesetze in Europa und erleidet dennoch die meisten terroristischen Anschläge. Denn Überwachungsgesetzte sind ungeeignete Instrumente zur Gestaltung friedlicher Gesellschaften. Diese brauchen keine präsidialen Notstandsgesetze, die einer Diktatur sehr nahekommen, sondern sie bedürfen der »Egalité« als geistiger Basis, die auch für das Leben in Vorstädten gelten muss.

 Die Akteure des französischen Terrors waren junge französische und belgische Männer, die in den Elendsvierteln von Paris und Brüssel aufwuchsen. Dort wurden sie radikalisiert und gerieten in die Fänge islamistischer Hassprediger. Die »Egalité« und »Fraternité« aller Menschen in Europa ist das beste Mittel gegen den Terror – und nicht die Ausgrenzung, Fremdenhass oder Abschiebung – weil dies die »Würde eines jeden Menschen« schützt.

 Die Waffen, mit denen Terroristen und Terroristinnen ihre Gewalt in Europa oder Arabien ausführen, wurden von amerikanischen, chinesischen, europäischen, indischen und russischen Unternehmen erdacht, hergestellt und verkauft. Solange gut ausgebildete Ingenieure und Ingenieurinnen Waffen erdenken, herstellen und verkaufen, wird es unschuldige Opfer geben. Alleine in den USA werden täglich 90 Menschen erschossen, weil offenbar die meisten Kongressabgeordneten, Senatoren und Senatorinnen von der Waffenindustrie gekauft wurden.

Der Dalai-Lama ruft deshalb unverbrüchlich:

„Regierungen der Welt:
Rüstet ab, nicht auf!“[14]

[1] Thomas Nagel, Grenzen der Objektivität, S. 30
[2] Georg W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 357
[3] Stefan Zweig, Die welt von Gestern
[4] Benjamin Lahusen, Magna Carta, in: DIE ZEIT, Nr. 22, 28.5.2015, S.19
[5] Jürgen Habermas, Faktizität und Geltung, S. 155
[6] siehe: Jeremy Waldron, Superseeding Historic Injustice, University Chicago Press, Ethics, Vol 103, pp 4-28
[7] David Hume, Eine Untersuchung des menschlichen Verstandes, S.99
[8] David Hume, Eine Untersuchung des menschlichen Verstandes, S.100
[9] Hannah Arendt, Vita activa, S. 333
[10] Viktor E. Frankl, Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, S.25
[11] David Hume, Eine Untersuchung des menschlichen Verstandes, S. 101
[12] Thomas Nagel, Grenzen der Objektivität, S. 32

 

 

Hier zum kostenlosen Herunterladen des Kapitels

 PDF-Download

Teilen Sie Ihre Gedanken mit anderen


Wir möchten Sie einladen, uns und den anderen Lesenden dieser Seite Ihre Gedanken und Argumente zu dem vorliegenden Artikel mitzuteilen. Wir und viele andere freuen sich auf jedes Argument, das in respektvoller Sprache formuliert wird. Sie können dies öffentlich und damit für alle Lesenden zugänglich tun, oder uns eine persönliche E-Mail schreiben unter . Beiträge, die andere verletzen, werden wir entfernen.
Sterne kennzeichnen Pflichtfelder.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. Weitere Informationen