Lebenskreise (Band 2): Geist und Glück - Kapitel 1: Sinn und Suche

Lebenskreise (Band 2): Geist und Glück - Kapitel 1: Sinn und Suche (Foto: Eva Maria Hartings)

von Hans Korfmacher

Seit jeher ist der Mensch, ein denkendes und fühlendes Wesen, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Philosophen und Philosophinnen, die sich seit Jahrtausenden gezielt mit den zugehörigen Fragen beschäftigen, begannen ihre Suche stets mit der Untersuchung ihres Geistes. Sie hofften auf Erkenntnisse, die ihnen den Sinn des Lebens erklären würden.

Obwohl wir es täglich tun, ist das Denken eine besondere Tätigkeit: Sokrates beispielsweise schrieb sie einem Geist (gr.: nous) zu. Warum können wir denken? Was regt uns dazu an? Welche Richtung nimmt das Denken, wenn ein Mensch mit der Welt in Kontakt kommt? Diese Fragen stellt sich die Menschheit, seit sie Selbstreflexion betreibt.

„Über das Denken zu sprechen, scheint mir so vermessen“,

schrieb denn auch die Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) demütig in der Einleitung zu ihrer Vorlesung Vom Leben des Geistes,

„dass ich das Gefühl habe, ich sollte besser mit einer Rechtfertigung beginnen.“[1]

Ihre Worte weisen darauf hin, dass die Analyse des Geistes keine triviale, sondern eine vielschichtige Aufgabe ist. 
Die Bedeutung des Geistes für ein glückliches Leben betont der 14. Dalai-Lama in fast jedem seiner Vorträge, weil – wie er es formuliert -

„ohne ein Wissen über den Geist Glück nicht zu erreichen ist.“[2]

Glück und Geist scheinen siamesische Zwillinge zu sein. Beide brauchen einander - das Eine verkümmert ohne das Andere. Doch inwiefern die Untersuchung des Geistes erforderlich ist, um ein Glück erleben zu können, das über jenes betäubende Konsumglück hinausgeht, das wir schon kennen, dieser Frage nachzugehen, ist eines der Anliegen dieses Buches.Hierzu werden verschiedene Ideen westlicher Denkenden über den Geist ebenso betrachtet wie die buddhistischer Gelehrter. Die zweite Hälfte des Buches ist schließlich den außergewöhnlich klaren Analysen über die verschiedenen „Geistesfaktoren“ der indischen Philosophen Nagarjuna und Asanga gewidmet.

Seit Jahrtausenden besteht der erste Schritt der Analyse des Geistes darin, die Prozesse der Wahrnehmung zu verstehen, mit deren Hilfe wir stets versuchen, die äußere Welt in uns aufzunehmen. Der Geist ist zu diesem Zweck in jeder Sekunde mit unzähligen Sinnesreizen beschäftigt und versucht jene Informationen herauszufiltern, die für das Leben und Überleben von Bedeutung sein mögen.

Auf der Grundlage solcher Beobachtung hat die Philosophie in den vergangenen drei Jahrtausenden Theorien darüber entwickelt, wie wir mit dem Geist Erkenntnisse generieren. »Erkenntnistheorien« helfen uns seit langen Zeiten zu verstehen, wie wir die Welt erkunden und das Denken trainieren. Es ist ein scheinbar nicht enden wollender Vorgang, weil – wie der Philosoph Ernst Bloch (1885 – 1977) einst formulierte:

„Die Philosophie lebt vom Fortbestehen des Staunens,
da die Antworten, die wir finden, nicht genügen, nie reif sind.“[3]

»Erkenntnistheorien« sind jedoch aus dem heutigen Wissenschaftsbetrieb fast verschwunden, glauben die technisch orientierten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heutzutage, sicher zu wissen, wie Wahrnehmungen und damit die Welt funktionieren. Deshalb erklären sie die systemimmanente »Wissenschaftstheorie« zur einzig relevanten. »Erkenntnistheorien« im wörtlichen Sinne sind im Westen in die »Geschichte der Philosophie« abgeschoben. Das aber erschwert das Nachdenken über den Geist und damit über uns selbst.
Ernst Bloch kommentierte die besonders im Angelsächsischen gefeierte These Ludwig Wittgensteins (1889 – 1951) über das vermeintliche Ende der Philosophie denn auch mit den Worten:

„Das ganze Gerede darüber,
dass die Philosophie abgelaufen sei“,
„ist das Vergnügen eines unbegabten Knaben,
der sich bei Hitzeferien von der Lösung und Stellung
schwerer Aufgaben im Schulunterricht selbst dispensiert hat.“[4]

Albert Einstein (1879 – 1955), der bekanntlich kein experimenteller Physiker war und dessen philosophische Gedanken nur wenige kennen, dachte viel über die Wege zu Erkenntnissen mit Hilfe physikalischer Experimente nach. Er wollte sicher sein, dass seine ungewöhnlichen Berechnungen zur Relativitätstheorie keine Spinnereien einer mathematischen Welt sind. In einem Gespräch 1926 mit dem Quantenphysiker Werner Heisenberg (1901 – 1976) stellte er fast lakonisch fest:

„Erst die Theorie entscheidet darüber,
was man beobachten kann.“[5]

Dieser einfache Gedanke ist wegweisend für ein ehrliches Verständnis über die Gewinnung von Erkenntnissen. Er benennt die Abhängigkeit jedes Wissens von Vergangenem – der „Historizität“, wie Theodor Adorno (1903 – 1969) es nannte. Das Gerede von einer „objektiven Wissenschaft“ können wir endlich im Mülleimer der Geschichte entsorgen.

Offensichtlich kam Albert Einstein nach langer Kontemplation zu der tiefgründigen Einsicht, dass vor irgendeiner Beobachtung „Theorien“ im Geist eines Beobachtenden vorhanden sind, mit deren Hilfe Sinneseindrücke als solche identifiziert, interpretiert und bewertet werden. In einem Experiment wird nichts »Objektives« oder »Absolutes« wahrgenommen. Vielmehr werden die sensorischen und sonstigen Informationen, die mit jeder Wahrnehmung in den Geist eines Betrachtenden gelangen, nur aufgrund einer im Geist vorhandenen „Theorie“ als »wahr« angenommen. Ohne historisches Vorwissen sind Wahrnehmungen und resultierende Erkenntnisse schlicht nicht möglich. Doch diese Weisheit verschweigen die positivistisch geprägten Wissenschaften lieber, um ihre vermeintlichen Siege zu feiern.

Das einfache Nachdenken, wie Albert Einstein es tat, lehrt uns: Neue Erkenntnisse entwickeln sich nur aus einer unbegrenzten Wirkungskette vorheriger Erkenntnisse, die im Geist genau zu diesem Zwecke gespeichert werden. Hieraus folgt: Die angebetete »Objektivität«, nach der ein Objekt absolute Eigenschaften aus sich heraus besitzen soll, ist lediglich naiver Glaube. Tatsächlich bringt die Aussage über ein Objekt - aufgrund der vorhandenen „Theorien“ im Geist eines Wahrnehmenden - nur dessen »Beziehung« zum Beobachtungsobjekt zum Ausdruck.

Die fehlende »Objektivität« impliziert aber nicht, dass Dinge nicht existieren oder Ereignisse nicht stattfinden. Hierauf weist der Dalai-Lama immer wieder beschwörend hin, weil wir ansonsten der Gefahr des Nihilismus anheimfallen werden:

„Ich sage nicht, dass Dinge nicht existieren,
wenn ich über deren Leersein spreche.
Dinge und Situationen existieren,
sie bestimmen Erfahrungen wir Leid und Freude.
Ich sage, dass sie nicht so existieren,
wie wir sie üblicherweise wahrnehmen.
Sie sind weder autonom noch unabhängig.“[6]

Begreifen wir die Unmöglichkeit »autonomer Objektivität«, ergeben sich die wirklich relevanten Fragen des Lebens: Woher stammen die in meinem Geist vorhandenen Theorien? Wie bin ich gestrickt? Was bewegt mein Leben in welche Richtung? Diese Fragen führen uns auf die richtigen Pfade zur Erkundung des je individuellen Geistes, den ich »Geist-Ich« nennen möchte, weil jeder Mensch und damit jeder Geist eine eigene, individuelle Vergangenheit hinter sich hat.

Sigmund Freud (1856 – 1939) gelangte zur gleichen Zeit wie Albert Einstein zu vergleichbaren Einsichten über den Geist, als er über die Phänomene der Verdrängung und unbewussten Versprecher nachdachte, die uns allen fast täglich begegnen. Die berühmt gewordenen »Freud’schen Versprecher« waren für ihn ein Indiz, dass im „ES“ - jenem Raum, der das Unbewusste beherbergt und dessen Fassade das Bewusstsein ist - „Theorien“ des Geistes abgespeichert werden, die uns zwar unbekannt, aber dennoch enorm wirksam sind. Erst wenn das „Unbewusste an die Oberfläche des ES“ ins Bewusstseins tritt, können wir etwas über das »Geist-Ich« lernen, dass das individuelle Leben prägt.

Die im „ES“ gespeicherten „Theorien“ sind unter anderem dadurch wirksam, dass wir unbewusst bestimmte Dinge tun, die wir später bereuen. Dass dies kein Zufall, sondern eine Struktur des Lebens ist, können wir leicht an ehrlichen Antworten auf so einfache Fragen wie „Wollte ich dies tun?“ oder „Wollte ich jenes erleben?“ erkennen. In vielen Fällen müssen wir uns eingestehen: „Nein, das wollte ich nicht tun! Da sind mir wohl die Pferde durchgegangen.“ Das „Unbewusste“, so Sigmund Freud, ist ein riesiges, uns nicht bekanntes Erkenntnisreservoir, das stets wirksam ist und unser Leben prägt - ohne dass uns dessen Details bewusst sind. Der vielgepriesene »bewusste Wille« kontrolliert nur selten ein Geschehen.

Erkenne ich die Kraft und Wirksamkeit des „Unbewussten im ES“, ergeben sich Fragen über Fragen: Warum erlebe ich eine schädigende Situation beispielsweise durch jemanden, der mich gerade angeschrien hat? Habe ich mich in diese Situation hinein manövriert oder bin ich Opfer eines Schicksals geworden? Welche Rolle spielt mein »Geist-Ich« in dem Schauspiel, das sich »mein Leben« nennt? Habe ich überhaupt einen »freien Willen« oder ist er lediglich Ausdruck unkontrollierbarer Triebe, die in mir einen Sturm der Hormone auslösen und mich wie eine Marionette zappeln lassen? Warum habe ich Angst vor der Erkundung des „ES“, sträube mich mit Händen und Füßen dagegen? Diese und ähnliche Fragen zu ergründen ist von Bedeutung für jeden Menschen, weil niemand gerne Spielball eines vermeintlichen Schicksals oder vorbestimmter Strömungen im Ozean des Lebens sein will.

Doch selbst wenn etwas offenbar »Gutes« vor mir steht, kann es geschehen, dass ich es nicht erkenne, da mein Bewusstsein das Offenbare nicht als »wahr« ansehen will - weil es beispielsweise im Widerspruch zu tradierten Regeln steht. Oftmals können wir im wörtlichen Sinne ein »Glück nicht fassen«. Wir verdrängen lieber mit viel Aufwand und Energie Einsichten ins „Unbewusste“ - weil wir Angst vor dem Verlassen gewohnter Wege haben, die uns in der Regel im Leid gefangen halten.

„Wenn das ICH an das Verdrängte herangehen soll,
besteht Angst und äußert sich als Widerstand“,

schrieb Sigmund Freud mitfühlend und weise.

„Das könnte man den Widerstand des ES nennen.
Der Kampf gegen diese Widerstände ist unsere Hauptarbeit
[in der Psychoanalyse] und durch die Überwindung dieser Widerstände
wird der [bzw. die] Kranke gestärkt.
Es ist unsere Aufgabe als Analytiker,
den Patienten [bzw. Patientinnen] hierbei zu helfen.“[7]

Verdrängungen sind in den Beziehungen von Menschen besonders aktiv: Will ich einen anderen Menschen als freundlich »wahr« nehmen, kann - abhängig von der Intensität dieses Wunsches - sogar eine gewalttätige Person wie ein freundliches Wesen imaginiert werden. Deshalb hängen Kinder selbst dann bedingungslos an ihren Eltern, wenn sie von ihnen geschlagen oder misshandelt werden. Andererseits gilt aber auch: Will ich jemanden als meinen »Feind« betrachten, kann die betreffende Person noch so freundlich zu mir sein, ich werde sie solange als »feindlich« empfinden, wie das Vorwissen in meinem »Geist-Ich« mich an diese Vorstellung bindet.

Die Konsequenz für das praktische Leben ist radikal: Eine Person, die mir begegnet, ist nicht »Freund« oder »Feind« aufgrund »objektiver Kriterien« – so wie die Objekte meiner Beobachtungen nicht »an sich«, sondern nur als Interpretation meiner „Theorien“ im »Geist-Ich« existieren. Die Eigenschaften »freundlich« oder »feindlich« entstehen erst aufgrund der Projektion von Ideen, die in meinem »Geist-Ich« als Vorverständnis über die Beziehung zu einem anderen Menschen existieren.

Werde ich mir dessen bewusst, kann ich meine Beziehungen tiefgreifend verändern. Ändere ich den Interpretationsmodus meines »Geist-Ich«, werde ich offener für die Welt. Verabschiede ich mich von Vorurteilen, von tradierten Bezügen oder erlernten Mustern, werde ich Menschen und ihre Systeme neu und anders bewerten. Wahrnehmungen und ihre Interpretationen sind im Sinne Albert Einsteins grundsätzlich subjektive Tätigkeiten, die nur von einem individuellen »Geist-Ich« erfahren werden und nur eine von vielen Milliarden Wahrheiten hervorbringen können. Deshalb ist es ratsam, die Schlüssel zu den vielen Schubladen, in die wir »Freunde« oder »Feinde« einsortieren, niemals wegzuwerfen, sondern sich zu vergegenwärtigen, dass wir stets nur subjektive, beziehungsmäßige Kategorisierungen mit Begriffen vornehmen, deren Bedeutungen sich schon morgen ändern.

Mit diesem Wissen stellen sich weitere Fragen: Welche der möglichen Interpretationen der äußeren Gegebenheiten ist angemessen? Gibt es Grundsätze, die in allen Beziehungen sinnhaft sind? Die Fragen lenken die Aufmerksamkeit auf die Qualität der Beziehungen, die ich zur Außenwelt - seien es Personen, Dinge oder Situationen - habe oder anstreben. Folgen wir den Erkenntnissen Albert Einsteins und Sigmund Freuds, sind »meine Beziehungen« zur Welt prinzipiell durch Vorstellungen im »Geist-Ich« geprägt - das wiederum durch jede neue Erkenntnis selbst verändert wird.

Eine wichtige Konsequenz dieser philosophischen Analyse lautet: Erst aufgrund der andauernden Wechselwirkung zwischen meinem »Geist-Ich« und der »Welt« entsteht »mein« Erleben und damit das, was wir als »ICH« bezeichnen. Weder das »Geist-Ich« noch die äußere »Welt« existieren »objektiv«, »absolut«, »aus sich heraus«, »inhärent« oder »autonom«. Wir können noch so viele Adjektive nutzen, um uns eine »Unabhängigkeit« vorzugaukeln - sie bleibt eine Illusion. Tatsächlich bringt die Wechselwirkung zwischen dem »Geist-Ich« und der »Welt« »MICH« in vollständiger Abhängigkeit von anderem hervor. Das entspricht der Erkenntnis jenes Buddha (dt.: Erleuchteten), der in der indischen Fürstenfamilie Shakyamuni vor 2579 Jahren (563 v. Chr.) geboren wurde und das Wort vom „abhängigen Werden“ prägte.

Denken wir weiter über die möglichen Interpretationen der Außenwelt durch das »Geist-Ich« nach, wird deutlich: Stets sind viele Sichtweisen möglich, da je-des »Geist-Ich« verschieden ist und vielfältige „Theorien“ beherbergt. Aus der einfachen Gegebenheit, dass Menschen mit verschiedenen Brillen und diversen Perspektiven auf unsere schöne Welt schauen, entsteht unter anderem jene »Wahlfreiheit«, die wir als den Kern »westlicher Freiheit« und damit unseres »Willens« feiern.

Über die angebliche »Freiheit des Willens« freuen wir uns wie kleine Kinder. Sie vermittelt uns das Gefühl, endlich selbst über etwas Bedeutsames entscheiden zu können. Wir glauben, endlich erwachsen zu sein. Um über dieses oder jenes angemessen entscheiden zu können, erkunden wir die möglichen Auswirkungen unserer Handlungsoptionen. Wir erhoffen, endgültige Gewissheit über »richtige« oder »falsche« Interpretationen des als »wahr« Angenommenen und damit über »richtiges« oder »falsches« Handeln zu ergattern.

Das aber ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Denn nicht erst seit Immanuel Kant (1724 – 1804) wissen wir, dass die Welt viel zu komplex ist, um alle potenziellen Wirkungen der vielen Handlungsoptionen intellektuell erfassen und bewerten zu können. Die heutigen Naturwissenschaften bestätigen die Komplexität der Welt mit ihren vielfältigen Beschreibungen einer vernetzten, von abertausenden Faktoren abhängigen Welt, die scheinbar chaotisch und undurchschaubar miteinander verwoben sind: Schon die Qualitäten der Chemikalien in meiner Sprühdose bedingen die Größe des Ozonlochs über der Antarktis. Ich entscheide mit dem Nutzen oder Nicht-Nutzen eines Produktes über das Leben unzähliger Wesen. Das ist überwältigend und erschreckend zugleich, weil ich einerseits meine universelle Verantwortung erlebe, andererseits aber meine wechselseitige Abhängigkeit von Millionen anderer Menschen umfassend spüre.

Die mit der »Freiheit« vermutete »Autonomie« entpuppt sich bei genauer Betrachtung wie die »Objektivität« als Chimäre, weil unzählige Menschen gerade in diesem Moment, sehr wahrscheinlich ohne Bewusstsein über die schädigenden Auswirkungen ihres Handelns, Urwaldriesen roden, Sumpfgebiete trockenlegen, Land durch Waldbrände gewinnen, dabei riesige Mengen Kohlendioxid und andere Gase in die Luft blasen oder dazu industriell gewonnene Braunkohle verbrennen. Zu viele Menschen fahren mit ihrem Fahrzeug zur Arbeit oder nach Hause, fliegen mit dem Flugzeug in den Urlaub oder zu geschäftlichen Terminen, ohne gedanklich wie emotional zu begreifen, dass sie mit ihren Emissionen das Weltklima erschüttern. Obwohl durch den Anstieg der Weltmeere um zehn Meter oder mehr, vor dem alle Experten einmütig warnen, unvorstell-bares Leid für Milliarden Lebewesen entstehen wird, verteidigen wir trotzig unsere Handlungen als »frei«. Wir bestehen darauf, weiter so handeln zu dürfen – erachten die »absolute Freiheit« als höchstes Gut des Lebens.

Das begreifend entsteht eine fast schon banale Erkenntnis: Wir alle sind unwissende Mitgestaltende einer Welt, die wir als durchschnittliche Menschen in ihrer Gänze nicht erfassen und vermutlich nie vollständig erkennen werden. Hieraus ziehen viele allerdings die fatale Konsequenz, einfach das zu tun, was ihnen gefällt: Sie könnten eh nie den Überblick über die Folgen ihres Handelns behalten und bräuchten daher auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen. Das aber zeugt nur von geistiger Faulheit, die ständig Leid bewirkt.

Immanuel Kant hingegen, geistig sehr rege, zog aus der gravierenden und doch offenbaren Analyse den für die Philosophie des Abendlandes folgenreichen Schluss, der bis heute unsere Gesellschaft erschüttert und dennoch zu oft falsch verstanden wird:

„Der moralische Wert einer Handlung
liegt nicht in der Wirkung,
die daraus erwartet wird,
also auch nicht in irgendeinem Prinzip einer Handlung,
welches seinen Bewegungsgrund
von einer erwarteten Wirkung entlehnen will.“[8]

Die Konsequenz dieses Gedankens ist extrem und rüttelt an unserem landläufigen Verantwortungsgefühl. Wollen wir doch alle aus moralischen, ökologischen, sozialen oder anderen guten Gründen so leben, dass die Natur oder andere Menschen, zumindest aber nicht die eigene Familie oder Sippe zu Schaden kommen. Deshalb fragt der oder die Zweifelnde inbrünstig: Folgt aus Kants radikalem Gedanken etwa, dass, wie Friedrich Nietzsche behauptet hat, die moralische Bewertung einer Handlung und damit jede Moral unmöglich sind, worauf sich unzählige Hasardeure auch heute berufen?

Schauen wir uns in Ruhe an, was aus der „subjektiven Objektivität“, wie Theodor Adorno die beziehungsmäßige Verzahnung von allem mit allem nannte, zu folgern ist: Keine Handlung kann aufgrund ihres Ergebnisses als »objektiv« richtig oder falsch bewertet werden, weil jede Bewertung nur aufgrund einer individuellen „Theorie“ im »Geist-Ich« möglich ist. Immanuel Kant provozierte das tradierte Denken Europas im 18. Jahrhundert folglich mit der These, dass selbst alle moralisch hochwertigen Ideen aufgrund stets möglicher „neuer Moden“, Interessen und Absichten in der Gefahr stehen, eine „manipulierbare Beliebigkeit“ zu sein.

Die Wucht seines Zweifels an den hergebrachten moralischen Kategorien zeigt sich an banalen Fragen: Warum soll ein Fichtenwald erhalten bleiben, der erst vor 200 Jahren angelegt wurde? Wäre es nicht besser, diesen durch einen ursprünglicheren Laubwald zu ersetzen? Manche Ökologen fordern die Rodung von Wäldern, die auf ehemaligen Moorgebieten in Norddeutschland nach deren Trockenlegung entstanden, weil sie nicht der vormals »natürlichen«, als »objektiv« angenommenen Landschaft entsprächen.
Andere Umweltexperten plädieren mit Hilfe desselben Arguments für die Ausrottung von Tierarten, die sich vor Jahrzehnten in einer Region angesiedelt haben, nachdem sie unfreiwillig aus anderen Kontinenten meist per Schiff – also durch den Menschen - eingeschleppt worden waren. Würden wir diese Tiere mit der Begründung eines »traditionellen Lebensraumes« töten, müssten wir auch die offenbar sinnlose Frage stellen: Leben alle Einwandernden immer am »falschen« Ort und müssen in ihre angestammten Länder zurück? Lebt gar die ganze Menschheit nie am »richtigen« Ort, weil Menschen seit Jahrtausenden über die Erde wandern?

An solchen einfachen Überlegungen zeigt sich die Absurdität der auf „Moden und Traditionen“ basierenden Argumente, wie Immanuel Kant die jeweils aktuellen moralischen Kategorien nannte. Er schloss messerscharf, dass solche Kategorien keine Basis für eine stabile, universelle Moral bilden. In möglichen Antworten beispielsweise zur Waldrodung oder Vernichtung fremdartiger Tiere fühlen wir denn auch fast spontan den Unsinn des vorgetragenen Arguments. Immanuel Kant forderte konsequent und unerbittlich:

Eine universell gültige Moral muss „sorgfältig von allem Empirischen gesäubert sein“ . [9]

Seine Ablehnung gegen alles Empirische als Grundlage jedes „moralischen Prinzips“ war kategorisch. Das hat beispielsweise zur Folge, dass eine Lüge nicht dadurch moralisch verwerflich ist, weil sie eine vermeintlich »objektiv« falsche Information vermittelt. Vielmehr, so sein Gedanke, ist das üblicherweise vorgetragene Prinzip „Du sollst nicht lügen!“ überhaupt keine Grundlage für irgendein ethisches Gesetz. Die »Zehn Gebote« seien zwar durchaus „sinnvolle Regeln“ für das Zusammenleben von Menschen. Aber sie könnten kein „universelles moralisches Gesetz“ begründen, weil der „moralische Wert einer Handlung“ nicht mit „ihrer Wirkung“ begründet werden kann.

Das wussten vermutlich auch die alttestamentarisch Denkenden, als sie die »Zehn Gebote« mit dem undefinierbaren Willen eines »Gottes« begründeten, der die Gebote der Legende nach Moses übergeben hatte. Die Rolle Moses´ als Vermittler zwischen »Gott und Menschheit« zu erfinden war notwendig, um die Unzulänglichkeiten menschlicher Handlungen am Maßstab einer dem Menschen unbekannten Universalität zu messen.

Die Denkenden, die vor etwa 4000 Jahren die abrahamitischen Religionen erfanden - zu denen das Judentum, das Christentum, der Islam und einige kleinere Religionsgruppen wie die Jesiden und Zaratrustrianer gehören - erkannten ein grundsätzliches philosophisches Problem: Moral und somit universelle Regeln menschlichen Zusammenlebens können nie mit menschlichen Handlungen begründet werden, weil der Mensch prinzipiell unvollkommen ist. Sie erfanden »Gott« als Anker einer Moral, weil sie wussten, dass »Objektivität« unmöglich ist und keinen Maßstab für menschliches Handeln definieren kann. Begreifen wir dieses grundsätzliche Dilemma, wird klar, warum Gesellschaften sich permanent in moralischen Krisen befinden müssen: Wir suchen vergeblich Orientierung an einer »Objektivität«, die wir aber nie finden werden. Wir laufen wie Blinde, die glauben, Gefahren erahnen zu können, auf einen Abhang zu - bis wir eines Tages die geistige, abhängige Basis für ein glückliches Leben erkennen werden.

Aus der »Unmöglichkeit jeglicher Objektivität« speist sich auch die alte philosophische Frage: Gibt es Wahrheit? Allein, dass diese einfache Frage die Menschheit seit Jahrtausenden bewegt, legt nahe, dass die Suche nach etwas »Absolutem« als Orientierung fürs Leben vergeblich ist.

Akzeptieren wir die »Unmöglichkeit jeglicher Objektivität«, entsteht eine neue, viel interessantere Frage: An welchen Grundsätzen möchte ich meine Handlungen und damit mein Leben mit anderen orientieren, ohne einem »Gott« oder anderen transzendierten wie weltlichen Herrschenden dienen zu müssen? Die Sehnsucht nach Prinzipien für eine friedvolle Lebensweise bewegt die Menschheit seit vielen Tausend Jahren. Sie ist ihr Motiv für das Denken jenseits des geschäftigen Alltags in Form von Philosophie (dt.: Liebe zur Weisheit), Religion (dt.: die gewissenhafte Sorgfalt in der Beachtung von Vorschriften) und Wissenschaft – und ein Motiv zum Schreiben dieses Buches.

 

[1] Hannah Arendt, Vom Leben des Geistes, S. 13
[2] Hans Korfmacher, Glück erfordert Weisheit, Bericht über den Besuch des Dalai Lama in Hamburg 2014, auf: www.dharma-university-press.org
[
3] Ernst Bloch in einem Gespräch mit Adelbert Reif in: Karola Bloch, Denken heisst Überschreiten, S. 21
[4] Ernst Bloch in einem Gespräch mit Adelbert Reif in: Karola Bloch, Denken heisst Überschreiten, S. 20
[5] Hans Korfmacher, Lebenskreise (Band 1) - Kampf oder Kooperation?, Kapitel: Das neue Weltbild der Quantenmechanik, S. 48 ff
[6] Dalai Lama, Practcing Wisdom, S. 89
[7] Sigmund Freud, Darstellung der Psychoanalyse, S. 161
[8] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 27
[9] Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S. 13

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